EINDRINGLINGE

 

Der gottlose Weg aber ist wie das Dunkel; sie wissen nicht wodurch sie zu Fall kommen werden.

Spr 4, 19

In einer Kleinstadt im Nordosten Amerikas.

Herbst 1984, 3:47 Uhr

Das fahle Licht der Neonleuchter fällt durch das kleine Küchenfenster und gewährt einen Blick auf die Spuren eines geselligen Abends. Geschirr, Weingläser, Essensreste, kalter Kaffee. Das Stillleben wird dann und wann von den Scheinwerfern vorbeifahrender Autos erhellt, die Stille gleichzeitig unterbrochen, bevor sie wieder ihren erstickenden Schatten über die Wohnung wirft; in dem kleinen Haus an der Kreuzung.

Platsch. Knack. Eiklar und -gelb verbinden sich zu einer schmierigen Masse, die langsam am Fenster hinunterläuft. Platsch. Knack. Und das nächste Ei zerschellte auf die gleiche Weise. Die Täterinnen und Täter gibbelten, kicherten und flüsterten. Zwei Mädchen, zwei Jungen. Teenager, die einen Nervenkitzel suchten und sich in einer Mutprobe bewiesen.

Sie hatten das Haus des kleinen Jospeh McLauren auserkoren, der dort gemeinsam mit seiner Mutter lebte. Ein Junge von zwölf Jahren. Ein Einzelgänger und Eigenbrötler. Die kleine Familie war erst vor drei Monaten in das Haus gezogen und in der kleinen Stadt fremd. Sie wurde schnell Opfer vom Klatsch und Tratsch der Nachbarschaft. Er wurde schnell zum Opfer der Schikane in einer Schule Privilegierter, deren Produkte nach ihm lechzten, wie Ausgehungerte nach einer fetten Made.

„Sind die überhaupt da? Die müssen doch was gehört haben.“, fragte Debbie.

„Ich habe den kleinen Stinker diese Woche jedenfalls nicht in der Schule gesehen.“, sagte Freddie.

Daniel nahm einen Stein aus dem Vorgarten in die Hand und warf ihn mit voller Kraft in die Scheibe des Wohnzimmers hinter der Veranda. Das Klirren und Scheppern weckte den Hund der Lubowskis, die die direkten Nachbarn. Aber selbst dieser Dezibel Bereich lag außerhalb der Reichweite ihrer Aufmerksamkeit, denn sie stammten aus den 1940ern und hatten einen so tiefen Schlaf, das nichts und niemand sie so leicht hätte aufwecken können.

„Scheiße, bist du bescheuert?!“, fauchte Julia ihn an.

„Anscheinend ist tatsächlich niemand da. Wo die wohl sind? Na, was ist? Traut ihr euch?“, fragte Daniel und trat zwei Schritte auf die Veranda.

„Wenn die Bullen uns schnappen sind wir geliefert.“, sagte Julia.

„Dein Vater ist der Chief. Der wird uns schon nichts anhängen, was seinem Ruf schadet. Jetzt nutz diesen Vorteil endlich mal aus. Außerdem ist kein Schwein da drin, sonst hätte sich ja wohl schon jemand gemeldet. Was ist? Ich gehe da jetzt rein.“

Er stapfte über die wackeligen Dielen und nahm vorsichtig mithilfe des Ärmels seines Anoraks die Glasscherben aus dem Fensterrahmen. Dann stieg er hinein. Die übrigen drei blickten verlegen und unentschlossen einander an. Zuerst folgte Julia und dann die anderen zwei.

Sie kletterten in das Haus und positionierten sich nebeneinander im dunklen Wohnzimmer vor dem zerbrochenen Fenster. Wie die Küche, wurde es nur von dem entfernten Neonlicht der Straßenlaterne beleuchtet und die Schatten streichelten sanft ihre Nacken, auf dass sich die Haare der vier Eindringlinge sträubten. Diesen Kick hatten sie gesucht. Was ging jetzt noch mehr?

„Uns sieht doch jemand von draußen!“, sagte Debbie.

„Um diese Uhrzeit geht hier doch keine Schwein lang.“

Allerdings hörten die drei ein Auto vom einen Ende der Straße heranfahren. Sie duckten sich unter dem einfallenden Scheinwerferlicht hinweg.

„Na gut, einige müssen halt zur Frühschicht.“, sagte Daniel.

„Ja, wie deine Krankenschwestermutter. Ich habe sie letzten übrigens in einem Film gesehen!“

„Ich scheuer dir gleich eine, Freddie. Mach lieber endlich mal das Licht an.“

„Dann sieht man uns erst recht, du Idiot.“, konterte Freddie.

„Nein, du Idiot. Wir ziehen die Vorhänge vor und niemand schert sich darum, ob in einem Haus das Licht morgens an ist.“

Freddie war erst unschlüssig, tastete sich dann aber durch den dunklen Raum. Die anderen blieben stehen und versuchten ihre Augen an die Dunkelheit im Haus zu gewöhnen.

„Was stinkt hier so?“, fragte Julia.

„Dan, hast du einen fahren lassen?“

„Scheiße, nein. Keine Ahnung… als wäre hier ein Tier verendet. Freddie, schaltest du jetzt endlich mal das Licht ein?!“, rief Daniel und gab sich nicht mehr die Mühe zu flüstern. Die anderen fuhren zusammen und spähten nach draußen, ob auch niemand vorbeilaufen würde.

„Hab den Lichtschalter gefunden, aber der bringt nichts. Der Strom muss abgestellt sein. Hast du nicht das Zippo in deiner Tasche?“

Daniel griff in die Tasche seines Anoraks und nahm das metallene Feuerzeug mit der Aufschrift B.A.D. heraus und schnippte es an. Im Raum tanzten die Schatten im orangenen Licht.

„Na das ist jetzt auf jeden Fall nicht auffällig.“, beschwerte sich Freddie.

„Halts Maul.“

„Jetzt seht euch das an! Ist das ein Röhrenfernseher?!“, höhnte Julia und erntete gehässiges Lachen. Während Freddie sich mit seinen Freunden weiter über die schlichte, aber in ihren Augen armselige Behausung lustig machte, zuckte ein Schatten in der Dunkelheit die schmale Treppe im Hausflur hinauf und hinterließ das leiseste, laute Stampfen, dass er je gehört hatte. Er schrie auf und spürte eine Tonne Felsgestein auf seiner Brust, die ihm das Herz zerdrückte. Seinen Freunden erstarb das Lachen im Hals und für den Moment traute sich niemand auch nur einen Mucks von sich zu geben. Sie alle waren erfroren im Schrecken des Augenblicks, bis Debbie sich zitternd und mit bebender Stimme aus der Starre löste.

„W-w-was ist denn, Freddie?“, hauchte sie, kaum hörbar. Freddie trat rückwärts zurück zu seinen Freunden ins Wohnzimmer.

„Da war jemand.“

„Wer?“, fragte Daniel.

„Konnte ich nicht genau sehen. Lass uns abhauen.“, flehte Freddie.

„Das war entweder deine Fantasie, die mit dir durchgeht oder der kleine Joseph, mit dem wir uns noch einen Spaß machen können. Kommt mit! Schnappen wir uns den kleinen Freak!“

Daniel hastete voran, aber die anderen zögerten. Sie setzten sich erst in Bewegung, als er noch einmal in seiner Bewegung inne hielt, sich ihnen zuwandte und sie mit zornigen Blick durchbohrte. Sie mussten sich zwischen der Angst vor Kommendes und seiner Wut entscheiden. Daniel umschloss das Feuerzeug jetzt mit einem Taschentuch, denn es wurde langsam heiß an den Fingern. Sie folgten ihm. Sie gingen in den Flur, in den von der Straße aus kein Licht hineinschien. Das flackernde Licht des Zippos in Daniels Hand, die ein klein wenig zitterte – was er sich nicht eingestand – erlaubte ihnen sich im Halbdunkel hinauf zu bewegen; Stufe für Stufe, ihr Ende im Dunkeln.

„Das ist Scheiße, Leute. Lasst uns abhauen. Hier ist etwas faul. Und das meine ich wörtlich! Riecht ihr nicht diesen Gestank? Der kommt doch von hier oben.“

Debbie flüsterte die Worte mit großen Willen und dem Wunsch ihnen den meisten Nachdruck zu verleihen, aber sie spürte, wie ihre Beine wie von selbst einen Schritt nach dem anderen machten. Angezogen von der unbekannten Dunkelheit; von dem stinkenden, bedrohlichem Dunkel vor ihnen, getrieben von der Gruppe und gelenkt von Daniels Willen.

Im Flur gab es in der oberen Etage drei Türen, von denen eine einen Spalt breit angelehnt war. Daniel schluckte ein weiteren Brocken Angst hinunter, der sich dann in seinem Magen gärte und suchte den Blickkontakt zu seinen Freunden, ohne sich Unsicherheit anmerken zu lassen. Er konnte jetzt keinen Rückzieher machen, so sehr er es auch wollte. Er blickte wieder zur angelehnten Tür. Diese fiel in diesem Moment mit einem lauten Knall zu. Julia und Debbie schrien auf. Daniel hatte Todesangst und er wollte nur wegrennen. Und dann wäre er genau das, was sein Vater ihm jeden Tag ins Gesicht schreit, wenn er abends seinen betrunkenen Arsch aus dem Sessel hievt: „Du feige kleine Schwuchtel! Aus der Mannschaft geflogen?! Haben dich die anderen ausgelacht, als du in der Duschkabine vor ihnen einen Ständer bekommen hast?! Warum verschwindest du nicht zu deiner Mutter?! Oder hast du Angst vor ihrem neuen Lover?!“

Echos hallten in seinem Kopf und er kniff die Augen zusammen. Dieser dreckige kleine Bastard Joseph wird ihm heute Nacht nicht das Gesicht vor seinen Freunden stehlen. Hier war er am Zug und er würde beweisen, was er alles drauf hat.

„Scheißt euch nicht ins Hemd! Den kleinen Stinker schnappen wir uns.“

„Daniel, lass uns abhauen. Hier läuft etwas ganz falsch!“, mahnte Freddie… vergeblich.

Daniel wusste schon immer seine Angst in Zorn umzuwandeln. Er stapfte auf die Tür zu und seine Freunde folgten ihm widerwillig, da sie nicht aus ihrer einzigen Lichtquelle heraustreten wollten. Daniel drehte den Türknauf, aber die die Tür blieb verschlossen. Er schlug seine Faust davor.

„Mach die scheißt Tür auf und wir werden dich nicht zwingen deine eigene Kotze zu fressen! Hörst du!“ So viel Angst hatte er noch nie, so viel Wut verspürte er noch nie.

Selbst seine Freunde waren von Daniels zunehmender Brutalität überwältigt und sie bescherte auch ihnen noch mehr Angst. Debbi so an Julias Hand. „Lass uns gehen. Bitte, bitte, lass uns gehen. Ich will hier weg. Julia, bitte.“ Sie weinte. Freddie und Julia waren erstarrt, die Augen weit aufgerissen. Die Lichter des Güterzugs rasten auf einen zu. Man brauchte nur wenige Schritte zur Seite zu machen und man wäre gerettet. Angst kann tödliche Folgen haben.

Daniel hörte Debbies Flehen, ignorierte sie jedoch. Er trat einen Schritt zurück, holte aus und trat mit voller Kraft gegen die Tür. „Daniel!“, rief Freddie, aber er würde auf ihn nicht hören. Er würde auf niemanden hören. Nochmal trat er zu und diesmal barste das Holz am Schloss und die Tür sprang auf. Eine neue Dunkelheit und die Quelle des bestialischen Gestanks. Julia übergab sich. In der Dunkelheit funkelten die Augen der kleinen Gestalt im Pyjama und Daniel blickte ihr Gesicht und wünschte sich mehr als alles, was er sich je gewünscht hatte, mit seinen Freunden davon gelaufen zu sein.

„Sie kamen gestern Nacht und sie haben böse Sachen gemacht.“

Joseph war zwölf, aber seine Stimme klang, wie die eines Fünfjährigen, der sich nach dem ersten Tag in der neuen Schule verlaufen hatte und verängstigt einen Fremden nach den Weg fragte. Julia und Debbie umklammerten fest ihre Hände. Freddie stand wie erstarrt und reglos hinter Daniel, die Augen weit aufgerissen. Joseph schaukelte hin und her und lutschte an seinem Daumen.

„Mama will nicht mehr aufstehen.“

Erst jetzt drehten sich ihre Köpfe langsam zu dem Bett. Mittlerweile zitterte Daniels ganzer Körper und das Flackern erleuchtete das Bett in dem kleinen Schlafzimmer. Dort lag sie und starrte mit ihren leerem Blick an die Decke. Das Blut war schwarz im dunklen Schimmer, das die Leiche überzog und das Nachthemd durchtränkte. Daniel ließ das Feuerzeug fallen, denn es war zu viel zu heiß geworden. Die drei übrigen schrien laut auf und wurden in ihrer Hysterie erst wieder durch den jungen Joseph betäubt, der ein langanhaltendes Schhhhhh von sich gab.

„Sie sind noch hier.“, flüsterte er in der Dunkelheit.

 

ENDE