BERSERKER

Südengland, 1891.

Noch am selben Abend, als Anthony den Brief erhalten hatte, war er aufgebrochen. Unter dem Licht der Gaslampe in der Kabine der Kutsche las er ihn wieder und wieder. Der Abendhimmel verblasste am Horizont und die Kutsche ließ London und das niemals schlafende West End hinter sich. Das Gespann verließ das Kopfsteinpflaster der Straßen, galoppierte über die verschlammten Wege der Felder und Wälder von Surrey und der Kutscher trieb sie unerbittlich weiter an – ihm wurde der doppelte Lohn versprochen, sollten sie das Dorf vor Einbruch der Nacht erreichen. Der aufziehende Nebel machte es nicht einfach und hätte er gewusst, auf welchen Handel er sich eingelassen hatte, wäre ihm alle Pfund Sterling des Empires noch zu wenig gewesen.

Anthony legte den Brief beiseite und starrte in den trüben Nebel, der die näherkommenden Hügelketten nur noch vermuten ließ. Sie würden es nicht vor Sonnenuntergang schaffen, dafür waren sie zu spät aufgebrochen. Aber je später der Abend, desto gefährlicher würde die Reise für sie werden. Also mahnte er den Kutscher nochmals zur Eile, auch wenn das arme Gespann dafür leiden müsste. Er dachte an die vielen motorisierten Kutschen, die inzwischen durch London fahren und wie schnell und wie weit die Technik den Menschen in naher Zukunft voranbringen würde. Der Gestank, den diese Maschinen hinterließen, war für ihn jedoch schlimmer als die Hinterlassenschaften der Pferde. Von dem Krach ganz zu schweigen. Es würde wohl noch einige Jahre dauern, bis diese motorisierten Kutschen alltagstauglich waren.

Anthonys Gepäck bestand lediglich aus einer kleinen Reisetasche, die neben ihm auf der Bank stand. Er öffnete sie und vergewisserte sich ihres wichtigsten Inhalts – ein Revolver, geladen mit sechs Silberkugeln und eine Schachtel mit sechs weiteren Kugeln. Er erinnerte sich daran, wie schwierig es gewesen war, einen Waffenhersteller damit zu beauftragen, ihm etwas derartiges anzufertigen. Zumindest auf dem Lande und in den kleineren Städten wurde er mit einem freundlichen Lächeln zum sofortigen Gehen und Verlassen des Geschäftes aufgefordert. Lediglich in London wurde er nach Anfrage noch nicht einmal eines Blickes gewürdigt, sondern direkt gefragt, wie viele Silberkugeln er denn haben wollte. Diese Selbstverständlichkeit, als gehörte eine derartige Bestellung zum Tagesgeschäft des Händlers, machte Anthony stutzig und er musste einfach nachfragen, ob dem Händler seine Bestellung nicht seltsam anmutete. Der Händler musterte ihn von oben bis unten, schnaubte und verzog seinen Mundwinkel zu einem bizarren Grinsen.

„Ich sehe, Du bist wohl noch nicht so lange in London. Mein lieber Junge, hier kommen alle paar Tage irgendwelche, Hexenjäger, Geisterfänger und Koboldvernichter herein und möchten ihre speziellen Zauberwaffen haben. Da bist du mit deinen Silberkugeln für die Werwolfsjagd bei Weitem nicht der ausgefallenste Kunde. Ich glaube, ich habe sogar noch zwölf Kugeln für Revolver von einer nicht beglichenen Bestellung übrig. Warte, ich schau mal nach.“

Der unrasierte und übelgelaunte Mann, der nach starkem Whisky roch, verschwand für einen kurzen Moment hinter dem Tresen und kam mit einer kleinen, hölzernen Schachtel zurück und lächelte piratenhaft.

„Hier sind sie ja. Sogar genau zwölf Stück. Ich hatte meinen Schuldeneintreiber bei dem Kunden vorbeigeschickt. Der hatte herausgefunden, dass der arme Kerl – und mit ihm leider mein Lohn – verstorben war. Man sagt, seine Frau hätte einen gottverdammten Hund abgerichtet und ihn auf ihn losgelassen. Aber vielleicht war es auch ein Werwolf, was meinst du, Junge?“ Er lachte und wischte sich eine Träne aus dem Auge.

„Ich nehme sie, danke.“, grummelte Anthony zwischen den Zähnen hervor, bezahlte den Mann und verließ das Geschäft mit Schamesröte im Gesicht. So kam Anthony an die Waffe, mit der er sich gegen den Fluch im schlimmsten Falle zur Wehr setzen konnte.

Anthony legte den Brief zusammen mit dem Revolver zurück in die Tasche und blickte dann durch die Luke der ratternden Kutsche hinaus in die dunklen Nebel, die sich über die fröstelnde Landschaft gelegten hatten, wie ein klammes Betttuch. Die Dunkelheit – er verabscheut sie so sehr. Er hatte gehofft ihr und dem, was sich in ihr versteckt, entkommen zu sein, aber es war ein Wunschdenken, ein Traum, dem er sich hingegeben hatte, weil er sonst den Verstand verloren und seinem Leben von selbst ein Ende bereitet hätte. Denn er war sich sicher, dass Rasierklingen in einem heißen Bad ihn sanfter auf die andere Seite geleiten würden, als eine aufgerissene Bauchdecke. Er wollte nicht sehen, wie er von innen aussah. Wer will das schon?

Da waren sie wieder. Diese schrecklichen Gedanken, die er in London glücklicherweise verloren hatte und seine Beschäftigung an einem der angesehensten Theater ihm keine Wahl gelassen hatte, Gedanken nachzugehen, wo er doch unter ständiger Anspannung lebte, die ihn zu oft zur Erschöpfung trieb. Ein amerikanischer Physiologe nannte diesen seelischen Zustand neuerdings Stress, der vor allem in Großstädten sein Unwesen treiben würde und die gute alte Angst allmählich ablöste. Anthony war jetzt allerdings auf dem besten Wege sich ihr wieder hinzugeben. Sowohl der guten, alten Angst, als auch den düsteren Gedanken und die Furcht begleitet sie. Denn durch die Dunkelheit des Nebels drang ein grauenhaftes Heulen.

Anthonys Magen zog sich zusammen und sein Puls schnellte in die Höhe. Er quetschte seinen Kopf durch die kleine Luke der Passagierkabine und rief dem Kutscher zu doch schneller zu fahren. „Wir sind bald da, guter Mann! Wenn ich die Pferde bei diesem Nebel noch weiter antreibe, wird die nächste Kurve uns den kurzum den Gar ausmachen.“ Anthony zog sich resigniert zurück und hoffte darauf, dass sie das Anwesen seiner Familie schnell erreichen würden. Der Fluch des alten Mannes. Konnte er wahr geworden sein?

Die Kutsche verringerte ihre Fahrt und das Gespann blieb bald vollständig stehen. Es folgte eine verdächtige Stille. „Kutscher?“, rief Anthony, aber er erhielt keine Antwort. Vielleicht waren sie am Ziel angekommen. Er griff seine Reisetasche, stieg aus der Kabine heraus und trat nach vorn zum Kutschbock. Er wollte schreien und wegrennen, aber sowohl seine Kehle, als auch seine Beine versagten ihm den Dienst. Das die blutigen Fetzen, die sich auf der Kutsche verteilten, einmal zum Kutscher gehörten, ließ sich nur noch aus dem Kontext erschließen. Das Blut hatte sogar die Pferde besudelt. Immer noch wollte Anthony schreiend fortrennen, aber erst, als der Kadaver des Kutschers ihm entgegenfiel, konnte seine Beine wieder rennen und seine Kehle einen beachtenswerten Schrei produzieren.

Er rannte durch den Nebel, weiter den schlammigen Weg entlang. Hinter ihm ertönte das bestialische Heulen und spornte ihn an, noch schneller zu laufen, auch wenn seine Lungen bereits brannten. Er spürte, wie es auf ihn zukam und sich schnell näherte. Er zwang sich, den Blick nach vorn zu richten und da sah er plötzlich ein Schimmern, ein flackerndes Licht, das sich schnell als Lampen entpuppte, die hinter den verschlagenen Fenstern eines Hauses schimmerten, das wiederum hinter einem Tor und einem dahinterliegenden Hof hervorragte. Er war gleich zu Hause, doch schien es noch unendlich weit entfernt zu sein. Zu weit, um es in einem Stück zu schaffen. „Hilfe!“, schrie er verzweifelt, auch wenn er alle Hoffnung auf Hilfe aufgegeben hatte. Wer oder was sollte ihn auch vor dem schützen, was ihn jagte? Doch das Gatter stand offen. Zum Glück, denn jedes Hindernis hätte sein Schicksal nur noch schneller besiegelt.

„Hinter mich!“ Die Gestalt tauchte wie aus dem Nichts auf, war mit einer Doppelflinte bewaffnet, die sofort in die Nacht hinter ihn feuerte. Das Heulen war jetzt schmerzgetränkt, die schnellen, schweren Schritte entfernten sich rasch und tauchten in die Dunkelheit hinab. Anthony war von dem Knall und dem grellen Mündungsfeuer benommen und schwankte orientierungslos neben der Person, die er nicht zu erkennen vermochte. „Wenn ich ihn erwischt haben sollte, dürfte die Ladung Silberschrot ihn eine Weile beschäftigen. Schnell ins Haus.“ Anthony war am Ende seiner Kräfte, seine Lunge brannte wie Feuer und er fühlte, dass er jeden Moment zusammenbrechen könnte, aber das Haus war nicht mehr weit. Die Gestalt packte ihn am Kragen und zog ihn mit sich. Sie rannten durch die Eingangspforte und verbarrikadierten sie mit schweren Pfosten. Dieses Haus war darauf vorbereitet, etwas Unerwünschtes draußen zu lassen. Anthony sackte vor der Tür zusammen und wollte nun endlich einfach in Ohnmacht fallen, aber seine Angst ließ es nicht zu.

„Ich hätte nicht gedacht, dass du kommen wirst.“

„Ich hatte mich selbst überrascht. Woher hattest du meine Adresse?“, fragte Anthony. Er hatte sie endlich erkannt.

„Ein Privatdetektiv. Seit diese Kurzgeschichten von diesem Doyle im Strand Magazine im Umlauf sind, gibt sie wie Sand am Meer und du findest in jedem Dorf zwischen Newcastle und Plymouth mindestens einen Menschen, der behauptet „Detektiv“ zu sein. Dann beauftragst du sie, sie setzen sich eine dämliche Mütze auf, zünden sich eine Pfeife an und ziehen los. In deinem Fall war der Auftrag nicht besonders schwierig, da du dir nicht die Mühe gemacht hattest einen anderen Namen anzunehmen.“

Anthony reagierte nicht darauf. Sein Herzschlag beruhigte sich und er begriff erst jetzt allmählich, dass es tatsächlich sie war. Emily hatte sich in den vergangen vier Jahren so sehr verändert, dass er sie gar nicht wiedererkannt hatte. Sie hatte ihr dunkles, langes, schwarzes Haar natürlich immer noch, was für sie sehr charakteristisch gewesen war. Aber sie war hagerer und ihre Gesichtszüge waren hart geworden. Er spürte einen Stich in seinem Brustkorb. Es war die Reue, die zusammen mit seinem Gewissen an ihm nagte. Nie war er das, was sein Vater und sein Bruder „Mannhaft“ nannten, aber als Feigling hatte er sich nicht bezeichnen wollen. Rückblickend musste er sich nun doch eingestehen, dass er aus Angst gehandelt hatte und es vielleicht doch eine Lösung für sie beide gegeben hätte.

„Es tut mir leid, dass ich weggegangen bin. Wäre ich geblieben, hätte es alles nur noch schlimmer gemacht. Du hättest mitgehen können und…“ „Und was?! Denkst du, ich hatte eine Wahl, wie du?! Was glaubst du, was mit meiner Familie passiert wäre, wenn ich deinen Bruder davongelaufen wäre?! Ich konnte nirgendwohin! Ich war hier gefangen! Vier Jahre! Mit diesen Bestien. Und glaube mir, sie sind es jetzt im wahrsten Sinne des Wortes!“

„Ich bin immerhin zurückgekommen. Auch wenn ich nicht weiß, wieso überhaupt. Was soll ich schon ausrichten? Konntest du keinen „Spezialisten“ dafür anheuern. Eine Art Söldner? Außerdem kann ich es immer noch nicht wirklich glauben. Ich wusste nicht, dass es wirklich passieren würde. Ich dachte, es wäre nur das wirre Gerede eines alten Zigeuners. Niemand hätte geahnt, dass der Fluch sich bewahrheiten würde. Wie kann das nur sein? Das ist Wahnsinn! Verstehst du mich?! Wahnsinn!“ Der Schlag half und er tauschte er der Hysterie wieder auf. Seine Wange brannte wie Feuer. Wann hatte sie gelernt, derart zuzuschlagen? „Entschuldige.“ Er wischte sich mit der Rückseite seiner Hand durchs Gesicht, um die Träne wegzuwischen, bevor sie sichtbar wurde.

Emily wandte sich von ihm ab und spähte durch eines der mit Holzlatten vernagelten Fenster. „Wir haben nicht viel Zeit.“ Alle Fenster im Foyer und vermutlich auch im restlichen Teil des Hauses waren vernagelt. Im Licht der Öllampen sah er weitere Flinten im Foyer vor den andren Fenstern lehnen. Emily hatte sich auf eine Schlacht vorbereitet. Er zweifelte jedoch an einen glücklichen Ausklang. „Komm mit.“ Sie drückte ihm eine der Flinten in die Hand und führte ihn durch sein ehemaliges Zuhause zum Kaminzimmer, indem ihm seine Mutter in frühen Jahren immer vorgelesen hatte, bevor er zu Bett ging. Er liebte dieses Zimmer noch immer, so sehr den Rest des Anwesens doch verabscheute, da die Erinnerungen fast physische Schmerzen hervorriefen. So präsent waren ihm noch die Torturen, die er durch seinen Bruder und seinen Vater erfahren hatte. „Denkst du ich konnte es irgendjemanden anvertrauen, der mich nicht für verrückt gehalten hätte. Und stell dir dann einmal vor, was deine Familie mit mir gemacht hätte, wenn es ihr jemand erzählt hätte. Nein, ich konnte niemanden vertrauen. Und bis zum letzten Vollmond hätte ich es selbst nicht geglaubt.“

Emily warf einen Holzscheit in das bereits entfachte Kaminfeuer und überprüfte dann ihre Waffe. Währenddessen musterte sie Anthony abschätzig. Er fühlte sich an seine kurze, aber schreckliche Zeit in der Kadettenschule erinnert. Sein Colonel hatte ihn stets genauso betrachtet – wie ein überfahrenes Tier, diese Mischung aus Mitleid und Ekel. Emily hatte ihn damals nie so angesehen. Sie war für ihn etwas, was man eine Seelenverwandte nennen könnte. Aber die verspielte, verträumte und beflissene Emily hatte offenbar einer resoluten Frau Platz gemacht, die ihm gerade das Leben gerettet hatte, indem sie einer mörderischen Bestie eine Ladung Silberschrot ins Gesicht geschossen hatte. Erstaunlich, was die Zeit aus einem machen konnte. Oder auch nicht. Anthony fühlte sich jedenfalls nicht so sehr, dass die Zeit ihn großartig verändert hätte.

„Der Zigeuner hatte seinen Fluch vor vier Jahren ausgesprochen, nachdem mein Vater den Erschießungsbefehl gab. Ich weiß es noch genau. An dem Tag habe ich ihn und meinen Bruder zum letzten Mal gesehen. Sie waren Verbrecher und Mörder. Hätte ich nur eine Möglichkeit gefunden, dich mitzunehmen…“

Die Schuldgefühle erdrückten Anthony. „Es tut mir leid.“ Der Schlag kam wie aus dem Nichts und schmerzte ihn höllisch. Emily Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. „Wir haben keine Zeit dafür. Nach all den Jahren für lange Erzählungen. Komm mit mir, wir haben Dringendes zu erledigen.“ „Hör auf mich zu schlagen!“

Sie eilte durch das Foyer und Anthony folgte ihr. Sie eilten durch den Speisesaal und den Wintergarten. Dann gingen sie hinaus in den Garten, der von wilden Sträuchern und Gräsern überwuchert wurde. Anthonys Blick verweilte für einen kurzen Moment auf einem alten, von Efeu überwucherten Brunnen. Sein Bruder hatte ihn dort sehr häufig fast bis zur Bewusstlosigkeit untergetaucht. Aus Langeweile, aus Zorn, aus Eifersucht, einfach zum Spaß. Eine der vielen kleinen Torturen, die Anthony sein Leben lang durchmachen musste.

Sein Blick wanderte an dem Brunnen vorbei und verblieb an einem Holzhaufen, der inmitten der weiten, dunklen Wiese aufgetürmt war. Links und rechts standen fackeln und auf dem aufgeschichteten Holz lag etwas, das in ein weißes Tuch gehüllt war. Es war ein Scheiterhaufen und Anthony spürte, um wessen Leichnam es sich dort oben handelte. Entsetzt, aber weniger überrascht wandte er sich an Emily, brachte aber kein Wort heraus. Der Alptraum verdunkelte sich und der Boden unter seinen Füßen wankte. Er konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und fiel auf die Knie. Flehend blickte er Emily an und hoffte, sie würde ihm endlich eine Antwort geben. Aber ihre Augen blieben kalt und wenn er etwas aus dieser Kälte vermochte herauszulosen, dann war es Zorn und Ekel.

„Wir haben nicht viel Zeit.“ Sie ging zum Scheiterhaufen, packte eine Fackel und entzündete die Nacht. Das Holz und die Leiche waren mit Öl überschüttet worden, dass die Flammen das Holz und die Leiche schnell umschlossen und vertilgten.

Anthony beobachtet Emily vor dem Feuer; ein Geist, der aus einer anderen Wirklichkeit nur verschwommen sichtbar war. Sie drehte sich um, ging an ihm vorbei, den kalten Blick stur geradeaus gerichtet und verschwand im Dunkeln des Hauses. Er folgte ihr kurz drauf und überließ das Feuer der Nacht. Ein Teil seiner Vergangenheit wurde von den Flammen verschlungen. Gut.

Sie stand vor dem Kamin in der Bibliothek, ein Glas Brandy mit der Hand umklammert. Ein voll eingeschenktes Glas stand auf dem Tisch. Anthony bediente sich und leerte es in einem Zug. Dann füllte er es erneut. An diesem Ort wurde Anthony immer von den Torturen seines Vaters und seines Bruders verschont. Sein Refugium für eine lange Zeit. Seiner Mutter war dieser Ort heilig gewesen. Der Respekt ihr gegenüber hielt seine Peiniger dort von ihm fern. Als ob ihr Geist dort wachend über ihn gestanden hätte. All dies wäre nicht passiert, wenn sie nicht die Tuberkulose sie nicht befallen hätte.

„Wer war es?“, fragte Anthony, auch wenn er die Antwort erahnte.

„Dein Bruder.“

„Wie ist er gestorben?“

„Sechs Silberkugeln in seinem Kopf.“

„Wie hast du…“, die Vorstellung der Tat erstickte seine Worte. Die kleine, gutmütige Emily? Wie konnte sie zu solch Ungeheurem fähig sein? Was hatten diese Monster nur aus ihr gemacht? „Und Vater?“

„Bis vor wenigen Stunden noch angekettet im Keller. Ich hatte sie vergiftet. Jeder andere Mensch wäre innerhalb eines Augenblicks gestorben. Sie hatte das Gift lediglich betäubt. Ich habe mich deinem Bruder gewidmet. Nachdem, was er mir angetan hatte, fiel es mit nicht so schwer. Aber bei deinem Vater versagt mir der Wille…“ Anthony spürte ihren Zorn, wie er heißer brannte als das Feuer des Scheiterhaufens. Sie leerte ihr Glas und warf es in den Kamin. „Ich konnte es nicht noch einmal!“, schrie sie. „Ich habe ihn im Keller in ihr kleines Gefängnis gekettet. Dort, wo sie ihre Diener hungern und dursten und auspeitschen ließen, wenn sie ihnen ungehorsam waren!“ Sie griff die Flinte neben dem Kamin und drückte sie Anthony in die Hand. „Meine Seele soll nicht allein verdammt sein. Noch ist er nicht wieder bei Bewusstsein. Er ist betäubt von dem Gift. Aber bald wird er zu sich kommen. Du solltest jetzt wissen, was zu tun ist. Wenn er erwacht, wird er die Ketten sprengen und uns in Fetzen reißen.“

Anthony leerte sein zweites Glas und nahm seinen eigenen Revolver aus der Tasche, den er sich in den Gürtel steckte.

„Ich bin gleich wieder da.“ Entschlossen ging er und torkelte leicht. Das zweite mutmachende, Nerven beruhigende Glass Whisky hätte er sich besser gespart. Emily verdrehte die Augen und folgte ihm.

***

Langsam schritten sie Kellertreppe hinunter. Schatten tanzten an den Wänden zu dem Rhythmus der flackernden Flamme der Öllampe. Kälte und Leere umklammerten Anthonys Herz und ein Echo der verzweifelten Schreie aus vergangen Zeiten drang in sein Ohr und rief Erinnerungen wach, die er in London hoffte, beerdigt zu haben. Dieser Ort war das Zentrum des schwarzen Herzens seines Vaters und nun sollte es zu seinem Grab werden. Sie näherten sich der Zelle und vernahmen ein unruhiges, tierhaftes Atmen.

„Lass das Licht ihn nicht aufwecken. Ich bleibe hier. Bring es zu ende!“, flüsterte Emily. Anthony wagte es kaum zu atmen. Er fürchtete sogar, dass sein trommelnder Herzschlag die Bestie aufwecken müsste. Er trat in die Zelle und dort sah er ihn.

Schwere Ketten fesselten die Bestie, halb Mensch, halb Wolf und größer und wilder als jedes Raubtier, dass Anthony je irgendwo gesehen hatte. Es schlief unter dem Mondlicht, dass durch die vergitterte Öffnung der Zelle fiel. Anthony setzte an und zielte auf den mächtigen Kopf des Monsters. Er erinnerte all die Pein, die Torturen, die Demütigungen, die er erfahren musste, die sie Emily antaten und all das Leid, dass er den Menschen in diesem Dorf und seinen Bediensteten angetan hatte. Dieser Zorn sollte ihm jetzt Kraft geben. Doch zu spät.

Mit einem Augenschlag war die Bestie erwacht und preschte auf ihn los. Er fiel auf den Rücken und verlor die Flinte. Die Klauen des Tieres verfehlte ihn nur um wenige Zentimeter. Die Ketten hielten es zurück. Es zerrte an ihnen, es brüllte und die Verankerung der Ketten gab nach. Es hatte sich befreit. Anthony rollte sich zusammen und vergrub seinen Kopf in seinen Armen. Er spürte lediglich, wie das Tier über ihn sprang und hörte Emilys bitterlichen Schrei. Die Schritte entfernten sich die Treppe hinauf und Anthony blieb allein und unbeschadet zurück. „Emily.“, flüsterte er, aber sie war fort. Anthony stand auf, rief ihren Namen. Vergeblich. Das Biest hatte sie entführt. Wieder hatte er sie im Stich gelassen, wie er alle im Stich gelassen hatte, weil er feige war und lieber ein kümmerliches Dasein sonst wo fristete, anstatt seinem Leben einen Sinn zu geben, indem er sich nur einmal erheben würde. Das musste vorbei sein. Es war genug. Zum ersten Mal spürte ein brennen, tief in sich drin und eine Energie und Kraft, die ihm fremd und willkommen war. Es war Zorn.

***

Die nasse, kalte Dunkelheit hatte alles umschlungen und nur Umrisse von Schatten gaben sich vor seinen Augen zu erkennen. Sein Herzschlag verlangsamte sich und er atmete tief und ruhig. Hier soll es enden. Auf die eine oder andere Weise.

Das Brüllen der Bestie, das Brechen von Ästen und die schweren, aber schnellen Bewegungen durch den regengetränkten Boden, brachten Anthony nicht aus der Ruhe. Er lächelte, als ihn das unabwendbare frontal durch die schwarze Nacht angriff. Drei Schüsse feuerte er aus seinem Revolver ab und das geifernde Maul dieses Monsters mit rasiermesserscharfen Reißzähnen blitzte im Mündungsfeuer auf. Anthony hatte es verwundet und es beklagte seine Schmerzen. Der Schatten verschwand im Unterholz. Anthony kannte den Weg, wohin es flüchtete. Drei Kugeln hatte er übrig und nahm jetzt die Verfolgung auf. Schmerzen durchzuckten seinen Körper. Blut troff aus einer Wunde an seinem Brustkorb. Die Klaue der Bestie hatte ihn nur gestreift. Die Wut trieb ihn an und die grausame Gewissheit Emily nicht lebend wiederzufinden.

Durch Donner, Blitz und einem Strom aus Regen hörte Anthony die Brandung gegen die Felsen peitschen. Als er acht Jahre alt war, stand er zum ersten Mal am Rand dieser Klippen. Dreißig Meter in die Tiefe und die Torturen hätten ein Ende gehabt. Er hatte durchgehalten und blickte nie zu lange hinab. Es war Emily, die ihn an dem Tag, als er dem Rand der Klippen am nächsten stand, wieder zurückzog. Sie hatte ihn in vieler Hinsicht gerettet. Er würde sich nie revanchieren können. Er blickte hinunter in das schwarze Meer und die Felsen ragten wie Speere aus dem schäumenden Chaos. Er spürte, dass sie hinter ihm war. Die Bestie kauerte im Dunkel und gab sich keine Mühe sich heranzupirschen. Anthony lächelte. Ganz gleich, was jetzt passieren würde. Er spürte Frieden. Vielleicht zum ersten Mal. Die Bestie brüllte und sprang, ihre mächtigen Pranken ihrem Ziel entgegengestreckt. Schüsse. Brüllen. Dunkelheit.

***

Die Pferde würden bis zum nächsten Dorf durchhalten. Hinter ihm brannte das Anwesen und das Haus seiner Familie wurde vom Flammenmeer verschlungen. In dieser Nacht hatte Anthony alles verloren. Noch vor wenigen Minuten dachte er, sein Leben wäre vorbei gewesen. Sein Körper zerfetzt von den Klauen und Zähnen des Monsters. Aber er feuerte die letzten Silberkugeln seines Revolvers und seiner Flinte auf das Tier ab und es fiel an ihm vorbei hinab in den Abgrund. Heulend stürzte es in die tobende See und sein Körper zerschellte zwischen den Klippen.

Es hätte keinen Sinn gehabt den dunklen, weiten Wald nach Emilys Überresten zu durchsuchen. Wenn es etwas übriggelassen hätte, hätten es die anderen Tiere sicherlich vor ihm gefunden. Er wollte nur noch weit weg und alles hinter sich lassen. Er musste sicher sein, dass die Vergangenheit keine Geister hinterlässt. Das Feuer sollte alles Böse, was auf diesem Anwesen geschehen war, vernichten. Also zündete er das Haus an, befreite die Pferde aus den Stellen, zündete auch diese an und bald erhellte ein unbändiges Feuer die Nacht. Anthony setzte sich auf die Kutsche, die ihn hergebracht hatte und blickte nicht zurück. Er wollte so schnell wie möglich nach London zurückkehren und vergessen.

***

Doch er war müde und erschöpft und hatte seit Tagen nicht geschlafen. Diese Nacht hatte seine letzten Kräfte aufgezehrt und er spürte, dass er sich nicht mehr lange von selbst auf dem Kutschbock halten könnte. Er musste seine Wunde versorgen. Deshalb lenkte er das Gespann zu einem Dorf, das auf der Hälfte des Wegs lag und dass er aus seiner Jugendzeit kannte. Er hoffte unerkannt zu bleiben, ein Quartier für die Nacht zu bekommen und gleich im Morgengrauen weiterreisen zu können.

Der Gasthof hatte ein Zimmer für ihn frei und die Pferde konnten sich im Stall ausruhen. Unangemeldet und zu so später Stunde nahm der Wirt normalerweise keine Gäste mehr auf, aber die Summe, die Anthony für ihn bereithielt, stimmte ihn um und erweckte gleichzeitig sein Misstrauen. Doch das sollte Anthony nicht weiter stören. Bevor die Gerüchte in Umlauf gewesen wären, hätte er sich im Morgengrauen verabschiedet. Er ging in sein Zimmer, fiel auf sein Bett und in einen traumlosen Schlaf.

Schreie weckten ihn. Es war noch immer dunkel und benommen richtete er sich auf. Am Fenster flammte die Nacht auf und noch strahlte der Mond durch die heraufziehenden Gewitterwolken. Er stand auf und blickte hinaus. Männer, Frauen und Kinder rannten hysterisch und schreiend durch das Dorf. Die Männer trugen Fackeln und waren mit Knüppeln, Äxten und Gewehren bewaffnet. Dann hörte Anthony das Brüllen der Kreatur und wusste, dass die Waffen den Menschen nichts nützen würden. Er hatte sie zum Tode verdammt. Aber wie konnte das Tier überlebt haben? Das Silber hätte seinen Vater töten müssen. Es konnte nicht sein!

***

Das Wesen war durch das Haupttor in das Dorf eingedrungen. Zwei Wachen hatte es mit einem einzigen Hieb seiner Klauen in Stücke gerissen. Dann stürmte es in jedes Haus hinein, um ihn zu finden. Niemand überlebte seine Raserei. Es war ein Massaker. Die letzten Menschen flohen verzweifelt und nur wenige stellten sich dem Biest auf der dunklen, vom Regen verschlammten Straße entgegen, die mitten durch das Dorf verlief. Sie verschossen ihre Munition und stürmten mit ihren Waffen auf die Bestie zu. Die gelben, hasserfüllten Augen und ihr Blut, dass in ihr Gesicht spritzte, waren das Letzte was sie in ihrem Leben sahen.

„Genug, Vater!“ Anthony stand inmitten der Straße. Er war unbewaffnet. Seine Silberkugeln waren verschossen. Welche Waffe hätte das Biest aufhalten können? Vielleicht würde sein Opfer den Durst des Tieres stillen. Vielleicht auch nicht. Er war müde und wollte seinen Frieden, wenn er ihn seinen Vater auch nicht geben konnte. Die Dorfbewohner waren tot oder geflüchtet. Regen prasselte auf die beiden noch lebenden Geschöpfe nieder. Um sie herum brannte das Dorf. Das Wesen schritt mit langen, schweren Schritten auf ihn zu. Anthony wartete darauf, dass es endlich sein Werk vollenden würde. Es kam näher. Er hatte keine Angst mehr. Vielmehr umarmte er sein Schicksal. Die Bestie stand jetzt vor ihm und schien seine Seele mit ihren gelben, diabolischen Augen zu durchbohren und es schien… zu lächeln. Seine lange Zunge leckte ihn quer durchs Gesicht. Dann warf es den Kopf zurück und lachte laut auf. Es war ein unheimliches, dämonisches Lachen. Zwei Stimmen zu einer vereint. Mensch und Tier. Aber die Stimme des Menschen. Er kannte sie und es war nicht die seines Vaters. „Emily?“ Das Tier blickte ihn ein letztes Mal an. Dann rannte es heulend in die Nacht hinaus und ließ Anthony zurück.

 

ENDE