Hitchhiker

Theresa fuhr ihren Wagen aus dem Parkhaus. Es war viertel nach zehn abends und sie hatte ihre Schicht gerade beendet. Sie arbeitete in einem großen Supermarkt in der Stadt und war auf dem Weg nach Hause zu ihren Kindern. In der Zeit, in der sie arbeitete, wurden die beiden von ihrer Mutter betreut. Es war ein anstrengender Tag und sie freute sich auf eine heiße Dusche, auf Jonah und Sarah und vor allem ihr Bett. Die Kinder würden sicherlich bereits schlafen, wenn sie zuhause ankommt, denn sie brauchte mit dem Wagen immer noch eine halbe Stunde, bis sie aus der Stadt raus war und sich den Weg zu ihrem Viertel gebahnt hatte.

Es war Freitag und die Straßen waren um diese Zeit stärker befahren, als sie es unter der Woche waren. Es regnete. Die Hauptstraße führte sie aus der Innenstadt heraus. An der Kreuzung, die vor der Auffahrt zum Freeway lag, streckte eine junge Frau unter dem Regenschirm ihren Daumen in Fahrtrichtung aus und hoffte allem Anschein nach, auf eine Mitfahrgelegenheit. Theresa hielt neben ihr und ließ das Fenster der Beifahrerseite herunter.

„Hey, wo soll es denn hingehen?“, fragte sie.

Die Frau lehnte sich ihr durchs Fenster entgegen und lächelte.

„Nach Queens. Können Sie mich mitnehmen?“

„Ja, steig ein. Ist meine Richtung.“

„Super, vielen Dank. Ich bin Jessica.“

Sie spannte den Schirm zusammen und stieg ein. Theresa stellte die Heizung etwas höher.

„Ich bin Therry. Fährst Du oft per Anhalter? Ist Dir das nicht zu gefährlich?“, fragte Theresa und eröffnete den Small Talk, setzte den Blinker und fuhr los. Über die Kreuzung, rauf auf den Freeway.

„Nein, eigentlich nicht, aber ich habe es mit der Bus- und Bahnverbindung heute nicht hinbekommen, bin spät dran und mal wieder völlig unorganisiert.“

„Wo geht’s denn genau hin? Zu einer Party?“

„Ja, eine Abschiedsparty für eine Freundin. Sie reist bald ab und gibt uns nochmal einen aus.“

Sie fuhren auf dem dunklen Asphalt des Freeways.

„Wo kommst Du her?“, fragte Jessica.

„Von der Arbeit. Spätschicht. Ich arbeite im Walmart in der City und musste heute leider den ganzen Tag an der Kasse sitzen. Das ist echt anstrengend. Bin froh, wenn ich gleich zuhause bin.“

„Das kann ich mir vorstellen.“

„Was machst Du?“, fragte Theresa.

„Ich bin Agentin einer geheimen Regierungsorganisation und untersuche und bewache außerirdisches Leben auf diesem Planeten.“

Theresa lachte.

„Wow, das klingt ja sehr spannend. Und wie lange machst Du den Job bereits?“

„Seit sechs Jahren. Ich wurde gleich nach der Uni rekrutiert, verabschiedete mich von meinem Leben, wie ich es kannte und begann dort meine Ausbildung als Alienjägerin – aber das ist übertrieben. Ich hatte es mir spannender vorgestellt, als es letztlich ist. Sehr viel Verwaltung, eine Menge Bürokratie.“

Jessica blickte aus dem Beifahrerfenster und sah konzentriert zu den Sternen hinauf.

„Was hat denn Deine Familie dazu gesagt?“, fragte Theresa und ging auf das Spiel ein, immer noch lächelnd, dabei den Kopf schüttelnd, denn sie überlegte, wo die Kamera wohl versteckt war, oder wann Jessica den Spaß auflösen würde.

„Ich sehe sie ein, zweimal im Jahr. Sie denken, ich würde nur für die CIA arbeiten.“

Theresa beäugte die junge Frau auf dem Beifahrersitz. Sie konnte sie nicht einschätzen. Ein Gag? Oder doch Drogen? Vielleicht hatte diese Person eine ernsthafte Störung und nun war sie auf einem einsamen Freeway in der Dunkelheit mit ihr unterwegs. Ihr wurde unwohl und wollte die Situation jetzt sehr gerne aufgelöst wissen.

„Nein, jetzt mal im Ernst, was machst Du?“, fragte Theresa und versuchte entspannt zu klingen.

Jessica sah sie einen Augenblick einschätzend an und dann lachte sie.

„Wie, Du glaubst mir das nicht?!“ Sie blickte wieder in die Nacht hinaus.

„Ich arbeite im Marketing eines Architekturunternehmens hier in der Stadt.“, sagte sie.

Theresa war sofort erleichtert und atmete innerlich auf.

„Ah, das ist ja cool. Mein Onkel ist Architekt. Er arbeitet bei Burkley&Duke. Bei welchem bist Du?“, fragte Theresa.

Jessica blickte sie jetzt sehr ernst an und erweckte den Anschein, als habe Theresa sie gerade bei einer Lüge ertappt. Die Stimmung im Wagen war gekippt. Theresas Kehle fühlte sich an, als säße dort ein dicker Klos, den sie kaum bis gar nicht hinunterschlucken konnte.

„Wir sind jetzt da.“, sagte Jessica knapp und kühl.

„Fahr doch bitte die nächste Abfahrt ab. Dann kommt in zwei Kilometern weiter ein Feld. Da kannst Du mich rauslassen.“ Ihre Stimme war jetzt viel ernster und es klang nach einem Befehl, ja, beinahe wie eine Drohung. Theresa zog sich der Magen zusammen. Ihr lief es jetzt kalt den Rücken runter.

„Sollte ich Dich nicht lieber…“

„Nein! Fahr hier ab!“, unterbrach sie Theresa harsch, die erschrocken zusammenfuhr, wodurch der Wagen einen kleinen Schlenker machte, sie ihn aber schnell wieder unter Kontrolle bekam. Theresa zitterte und jetzt rannen ihr Tränen über die Wangen, die sie schnell wegwischte, damit ihr unangenehmer Fahrgast es nicht mitbekam. Sie hatte schreckliche Angst vor der Person, die neben ihr saß. Sie fuhr ab, denn sie wusste sich nicht weiter zu helfen. War Jessica vielleicht sogar bewaffnet? Sie wirkte sportlich und durchtrainiert und könnte ihr sogar ohne Waffe etwas antun.

„Es tut mir leid. Hab bitte keine Angst. Dir geschieht nichts, aber ich muss dort pünktlich erscheinen. Du lässt mich einfach dort aussteigen und kannst dann direkt wieder fahren.“

Jetzt hatte Theresa erst recht Angst. Was würde diese Frau mit ihr tun? Würden noch andere auf sie warten? Sollte sie zur nächsten Polizeistation fahren. Wie würde die Frau reagieren, wenn sie nicht das tat, was sie ihr gesagt hatte? Sie steuerte ihren Wagen die Abfahrt runter und bog dann gleich rechts auf die Landstraße ein. Es war dunkel und regnete immer noch in Strömen.

„Dort vorne ist es. Du kannst mich an dem Tor rauslassen.“

Theresa hielt an einem Gatter, das zu einem dunklen Feld führte. Sie sah weit und breit keine Bewegung, keine Lichter, geschweige denn Menschen. Sie waren irgendwo in der Walachei gelandet und sie wusste, dass in dieser Gegendp nur weite Felder angebaut waren. Niemand wäre hier, um ihr helfen zu können.

Jessica öffnete die Tür, setzte ein Bein in die Nacht und wandte sich noch einmal Theresa zu.

„Ich danke, Dir, Therry. Tut mir leid, dass ich Dir nach dem anstrengenden Tag diesen Stress machen musste. Vielleicht hilft es Dir… Du hast Deinem Planeten einen großen Dienst erwiesen. Klingt kitschig und nach B-Movie, aber es ist so. Mach’s gut und fahr bitte vorsichtig.“

Jessica stieg aus und warf die Tür hinter sich zu. Theresa legte sofort den Gang ein und fuhr los. Die Räder drehten in dem feuchten Morast durch, denn sie hatte das Gaspedal mit aller Kraft durchgetreten. Noch zitterten ihre Hände, aber sie hatte das Fahrzeug unter Kontrolle und beschleunigte jetzt die dunkle Landstraße hinunter.

Plötzlich blendete sie ein grelles Licht, dass vom Himmel fiel. Ein stechendes, beißendes, weißes Licht durchflutete die Nacht und Theresa entschleunigte instinktiv den Wagen und schirmte mit ihrem Arm ihre Augen ab. Sie musste anhalten, denn sie konnte durch die gleißende Lichtflut so gut wie nichts mehr erkennen. Dann versiegte das grelle Licht und etwas geschah um sie herum.

Die Luft um sie herum pulsierte. Sie war wie elektrisiert. Ein lautes Summen, wie von einer Rückkopplung der Boxen auf einem Rockkonzert im Stadion, durchzog die Dunkelheit. Dann erschienen blaue und grüne Lichter direkt über ihrem Wagen. Sie konnte nur schwer einschätzen, wie hoch und weit entfernt. Zwanzig, vielleicht dreißig Meter. Sie waren in einem Kreis angeordnet und wurden von einem weißen Band verbunden. Dazwischen zeichnete sich ein Körper, ein Objekt ab. Ein metallenes Objekt.

Theresa glaubte ihren Augen nicht. Es war ein riesiges, rundes, schwebendes Objekt, das die Größe eines Fußballfeldes hatte und es stieg langsam immer weiter in die Nacht hinaus, erhöhte seine Geschwindigkeit und Theresa hielt sich die Ohren zu, denn das Summen war so laut geworden, dass es fast schon schmerzte. Dann ein heller Lichtstrahl und das Objekt verschwand im Nachthimmel. Es war plötzlich wieder still. Bis auf den Regen, der wieder unentwegt auf ihr Wagendach prasselte. Dann ging der Motor aus und sie war allein im Dunkeln.

Theresa wurde von Panik ergriffen und das Adrenalin pumpte all ihr Blut in ihr donnerndes Herz. Mit zitternden Fingern griff sie nach ihrem Handy, um den Notruf zu wählen. Aber sie musste mit Erschrecken feststellen, dass ihr Handy aus war und sich nicht mehr einschalten ließ. Verzweifelt versuchte sie den Wagen zu starten, aber er sprang nicht an. Sie weinte, schrie und fluchte. Sie wollte nach Hause, wollte zu ihren Kindern. Was sollte sie jetzt nur tun? Was war dort eben geschehen? Dann öffnete sich die Beifahrertür und Jessica stieg wieder ein.

Theresa schrie lauthals, wollte aus dem Wagen springen, aber sie bekam in ihrer Panik einfach nicht den Sicherheitsgurt gelöst. Jessica legte ihr sanft ihre Hand auf die Schulter und sagte leise und ruhig zu ihr: „Das passiert immer, wenn sie starten. Die Elektrik fällt aus. Aber wir haben coole Gadgets von ihnen, die so etwas sofort wieder in Ordnung bringen.“

Sie griff in ihre Handtasche und nahm ein flaches, zylindrisches Gerät hervor, auf dessen Display sie ein paar leuchtende Symbole drückte. Dann sprang der Wagen an. Theresa hatte das aus der Peripherie ihrer Panik beobachtet und wurde jetzt wieder etwas ruhiger. Ob vor Erstaunen oder Hoffnung auf eine hoffentlich baldige Flucht.

„Oh, und Dein Handy kriegen wir auch wieder hin.“, sagte Jessica und vollbrachte dasselbe Wunder mit Theresas Handy.

„Wer bist Du?“, fragte Theresa.

„Habe ich Dir doch gesagt. Bist Du vielleicht so lieb und setzt mich an der nächsten Bushaltestelle ab, es ist wirklich kein schönes Wetter für einen Spaziergang. Na komm, wir beeilen uns. Deine Kinder warten doch schon.“

Theresa wendete den Wagen und fuhr zurück auf den Freeway und ließ Jessica in der Nähe ihres Viertels an einer Bushaltestelle raus.

„Aha, gleich kommt noch ein Bus, der mich wieder zur Stadt bringt.“, sagte Jessica, die auf ihrem Handy die Fahrpläne durchging.

Sie öffnete die Tür und stieg aus. Bevor sie sie schloss, wandte sie sich mit einem Lächeln an Theresa.

„Das war wirklich sehr freundlich von Dir. Hast Du schon einmal daran gedacht, als Fahrerin für eine enorm große und geheime Regierungsorganisation zu arbeiten. Wir zahlen gut, es gibt Feiertagszuschläge und ein dreizehntes Gehalt. Außerdem gibt’s ein Jobticket, Kinderbetreuung und ein Dienstfahrrad. Überleg’s Dir! Wir sehen uns und hab eine gute Nacht!“, sagte sie und schloss die Tür.

Sie sah Jessica nach, bis sie an der Haltestellte stand. Dort winkte sie ihr noch einmal zu. Theresa winkte instinktiv zurück. Ihr Puls hatte sich beruhigt und vermutlich stand sie ein wenig unter Schock. Dann fuhr sie ruhig, gelassen und erleichtert nach Hause zu ihren Kindern und ihrem Bett und würde sich am nächsten Morgen fragen, ob das alles wirklich geschehen war.

ENDE