Die Vogelscheuche

Jack hievte mit aller Kraft die Vogelscheuche auf die Vorrichtung aus Holzpfosten und zurrte sie mit den Seilen fest. Erschöpft stieg er von der Klappleiter, wischte sich den Schweiß von der Stirn und begutachtete sein Werk mit Stolz, Genugtuung und Entsetzen. Er lächelte dennoch zufrieden, als er das finstere Grinsen des Kürbiskopfes betrachtete, wie es dort am Rande des Maisfeldes, wie ein gekreuzigter Jesus, als Märtyrer der Unterdrückten, ein Zeichen setzen und die Geschichte dieser Gemeinde verändern würde. Hier stand die Vogelscheuche, unübersehbar, denn schon bald würden sie kommen, laut grölend, siegestrunken und besoffen von Bier, Fusel und ihrem Ego, und sie zerstören, auf sie einschlagen mit ihren Schlägern, wie sie es bereits getan hatten, um zu zeigen, dass es ihre Stadt war und sich ihnen niemand widersetzen konnte. Jack blickte auf seine Armbanduhr. Kurz vor sieben. Das Spiel war vorbei.

Er packte sein Werkzeug ein, klappte die Leiter zusammen und verstaute alles auf dem Heck seines alten Ford Pickup. Als er die Straße zurück zu seiner Farm fuhr, warf er einen Blick in den Rückspiegel und sah die Vogelscheuche zwischen den Lichtstrahlen der Abendsonne und den hohen Maisranken verschwinden. Jack erinnerte sich daran, wie er mit seinem Enkel, Sam, vor zwölf Jahren die erste Vogelscheuche zusammenbastelte. Sam war damals fünf Jahre alt und seine Eltern lebten noch. Es war eine gute Zeit und trotz Sams geistiger Beeinträchtigung waren sie mit allem gut zurecht gekommen. Nach dem Autounfall war Jack der alleinige Vormund und sie mussten ihr Leben fortan zu zweit arrangieren. Die Zeiten wurden von diesem Schicksalsschlag an schwerer für die beiden. Aber Sie lernten mit der Trauer umzugehen und Jack hatte es geschafft, die Farm, ohne seine Tochter und seinen Schwiegersohn, weiterzuführen.

Er fuhr zurück zu dem Haus, dass ihm noch einige Wochen gehörte, bevor Leroy Brown es ihm wegnehmen wollte. Sein Haus, seine Farm und fast alles, was Jack in den letzten vierzig Jahren gemeinsam mit seiner Familie hart erarbeitet und erhalten hatte, fällt in die Hände des Unternehmers, der vor vier Jahren in der kleinen Stadt auftauchte, um sie Stück für Stück seinem Imperium anzugliedern. Jacks Farm ist nicht die einzige, die sich seit Generationen in Familienbesitz befand. Er würde sie niemals verkaufen, doch Leroy verfügte durch seine Aktienanteile der produzierenden Unternehmen über eine enorme Marktmacht und übte großen Einfluss auf die Preise aus, die Jacks Abnehmer an ihn zahlten. Über die vier Jahre ist der Abnehmermarkt für Jack nahezu vollständig eingebrochen. Um neu zu verhandeln, hatte er mit jedem seiner Kunden persönlich gesprochen und spürte in den Gesprächen mit seinen langjährigen Geschäftspartnern, dass Leroy dort seine Finger im Spiel hatte. Sie konnten nichts gegen ihn unternehmen. Jack war, wie die anderen Farmer der Stadt, machtlos und Leroys Willen unterworfen. Er war einer der letzten, die sich weigerten das Land an ihn zu verkaufen.

Leroy hatte einen Sohn, Paul, den er verwöhnte, wie einen Dobermann abgerichtet und von klein auf indoktriniert hatte, dass die Browns über allem standen. Und er brachte ihm bei, welche skrupellosen Mittel einen am effizientesten ans Ziel bringen. Damit machte Leroy seinen Sohn bereits in jungen Jahren mit der speziellen Art vertraut, wie das Familienunternehmen geführt wurde. Er setzte seinen Sohn darauf an, Jacks Enkel unter Druck zu setzen, damit er seinen Großvater überreden würde, an Leroy zu verkaufen. Aber Sam hielt den Schikanen stand und ging Paul und seinen Freunden aus dem Weg. In der Schule konnte Sam auf den Rückhalt der Lehrkräfte und auf seine Schulkameraden bauen. Auch wenn Paul eine Gruppe Halbstarker mit seinem Geld locken und um sich scharen konnte, so war der Zusammenhalt in der Gemeinde stark. Sie hatten Kriege, strukturellen Wandel und Wirtschaftskrisen gemeinsam überstanden. Derartige Schicksalsschläge verbinden. Wer konnte ahnen, dass Großunternehmer, wie Leroy Brown, auf einmal auftauchen, alles an sich reißen und alles und jeden eliminieren könnten, was nicht in ihre Pläne passte. Um den letzten Bauern zu Fall zu bringen, mussten die Browns härtere Bandagen anlegen.

Jack und Sam hatten das Basteln von Vogelscheuchen als gemeinsames Hobby für sich entdeckt und sie bauten sie seit Jahren, um sie anschließend in den Feldern zu platzieren. Ihre Vogelscheuchen waren stadtbekannt und jede einzelne ein Meisterwerk an Kreativität. Jede einzelne von ihnen hatte ihren eigenen Charakter, keine glich der anderen. Sie bauten sie stets am Ende jedes Monats zusammen und es freute Jack, zu sehen, wie sein Enkel in der Arbeit an den Vogelscheuchen aufging und die Sorgen um sich herum vergaß. Sie bauten sie in verschiedenen Größen, kleideten sie in unterschiedliche Outfits und stickten den Strohköpfen individuelle Gesichter auf. Am liebsten hatte Sam die Kürbiskopf-Vogelscheuchen im Herbst. Das waren ihre Meisterwerke und sie schafften es mit ihnen sogar in die überregionale Presse, worauf sie auf die Idee kamen am jährlichen Tag-der-Vogelscheuchen ihre Werke der Öffentlichkeit und einer Jury zu präsentieren. Sie eroberten mit ihren strohigen Kameraden den zweiten Platz. Das Bauen ihrer neuen Freunde brachte Jack und Sam näher zusammen und die unheimlich anmutenden Gestalten halfen ihnen die Trauer und den Schmerz ihres Verlustes zu vergessen. Sie bedeuteten ihnen deshalb sehr viel. Und das war auch Leroy nicht entgangen, als er Jack einen letzten Besuch abstattete, um ihn zu überreden, ihm seine Farm zu verkaufen. Er wurde von Jack vor die Tür gesetzt und er hatte Leroy ein letztes Mal entschieden eine Absage erteilt. So etwas konnte ein Leroy Brown nicht akzeptieren und allein die Tatsache, dass ein Angebot von ihm abgelehnt wurde, verletzte seinen Stolz und brachte ihn zur Raserei. Seine Wut würde er an jenem Abend wieder an einem wehrlosen Callboy auslassen, aber gegen den alten Farmer musste jetzt etwas unternommen werden, sonst könnte sich diese kleine Flamme des Aufbegehrens in der Gemeinde zu einem Lauffeuer des Widerstands entfachen. Und das galt es mit aller Macht zu vereiteln.

Leroy beauftragte Paul damit, nachts mit seinen Leuten loszuziehen und die Scheuchen kurz und klein zu schlagen, ein dezenter Hinweis darauf, was Jack und seinem Enkel zustoßen könnte, wenn Leroy A. Brown nicht das bekäme, was er wollte. Paul wappnete sich und seine Freunde also mit Bier und Baseballschlägern, fuhren in der Nacht die Felder von Jack ab, zerstörten jede einzelne Vogelscheuche, urinierten auf ihnen und Paul brannte einige von ihnen nieder. Seine Freunde waren geistesgegenwärtig genug, das Feuer wieder zu löschen, bevor die Felder in Flammen standen, denn einen Fall von schwerer Brandstiftung könnte selbst der Sherriff kaum verschwinden lassen, der, ebenso wie seine Deputies, auf Leroys Gehaltsliste stand.

Als Jack und Sam am nächsten Tag das Massaker erblickten, waren sie schockiert und Sam traumatisiert. Jack wusste in diesem Moment nicht, wie er Sam darüber hinweg trösten konnte. Aber er erkannte die Warnung von Leroy und wie gefährlich es war, sich diesem Mann entgegenzustellen. Er hatte sich deshalb schweren Herzens zum Rückzug entschlossen und war gewillt die Farm zu überschreiben und eine Stelle in einer von Leroys Fabriken anzunehmen. Aber am darauffolgenden Tag ging Paul zu weit.      

Sam hatte es nach dem Chili aus der Mensa sehr eilig, erwischte die falsche Toilette und hatte seine Hose bereits runtergelassen, als er in genau die Kabine der Mädchentoilette preschte, in der sich Cindy Lowmax befand, Pauls Freundin. Sam erstarrte vor Schreck, drehte sich schnell um, zog seine Hose wieder hoch und flüchtete hastig hinaus, um sein Geschäft in der für ihn vorgesehenen Toilette zu verrichten. Cindy konnte diese Geschichte nicht für sich behalten und schmückte sie mit Falschdarstellungen aus, die Sam als Spanner und perversen Triebtäter darstellten. Der Direktor beschwichtigte ihre Eltern und Sam entschuldigte sich offen und ehrlich. Für sie war die Geschichte erledigt, aber Paul ließ den Vorfall nicht auf sich beruhen, als er davon hörte, denn in seinen Augen hatte sich jemand an seinem Eigentum vergriffen, seinem Image geschadet und nun musste ein Exempel statuiert werden. Dass es sich dabei ausgerechnet um Sam handelte, hielt er für passend und es versüßte ihm die Angelegenheit. Auf dem Weg von der Schule nach Hause, als Sam aus dem Bus gestiegen war, um wie immer die verbliebenen Meter zu Fuß zur Farm zu laufen, lauerten Paul und seine Leute Sam auf, zerrten ihn in das am Weg angrenzende Waldstück und schlugen ihn dort zusammen.

„Ich habe nichts gemacht! Es tut mir leid! Es war ein Versehen!“, beteuerte Sam immer wieder, während er zusammengekauert auf dem Boden lag und seine aufgeschürften Hände schützend vor sein blutendes Gesicht hielt. Tränen rannen ihn über die Wangen und noch nie hatte er solche Schmerzen und solch eine Angst empfunden. Pauls Freunde hörten irgendwann auf, denn sie bekamen allmählich Skrupel auf einen wehrlosen und vermeintlich unschuldigen Jungen so hemmungslos einzuschlagen. Paul allerdings dreschte weiter auf Sam ein, bis dieser seine Hände nicht mehr vor sein Gesicht hielt, seine Augen schloss und bewusstlos in sich einsackte. Erst dann zogen und zerrten seine Freunde Paul zurück.

„Verflucht, Paul! Spinnst Du?! Haben wir ihn umgebracht?!“, fragte einer der Jungen mit zitternder Stimme. „Ich rufe einen Krankenwagen und dann hauen wir hier ab! Verdammt, die werden uns drankriegen!“
„Warte!“, fauchte Paul ihn an, riss sich los und beruhigte sich.
„Wir müssen uns jetzt genau überlegen, was wir tun… Ich habe eine Idee.“
Er beugte sich zu Sam hinunter und fühlte seinen Puls, um sicher zu gehen, dass sie ihn nicht totgeschlagen hatten. Dann begann er seinen Rucksack zu durchwühlen und nahm seine Geldbörse heraus. Anschließend zückte er sein Handy und wählte die Nummer des Sheriffs, die er in seinem Kurzwahlspeicher abgelegt hatte.

Paul legte für den Sherriff eine Geschichte zurecht, in der ein Landstreicher, Sam überfallen, zusammengeschlagen, ausgeraubt und ihn im Waldstück liegengelassen hatte. Paul und seine Freunde hätten ihn gefunden und direkt einen Krankenwagen gerufen. Sie wären auf dem Weg zur Stadt dort vorbeigefahren, als ihnen ein fremder, verdächtig aussehender Mann entgegenkam. Niemand in der Stadt würde dem Jungen die Geschichte abkaufen, aber das brauchten sie auch nicht. Es würde zu keiner Anzeige kommen.

Die Ärzte sagten Jack, dass es noch Monate dauern würde, bis sich sein Enkel wieder vollständig erholt haben würde, aber es würden, bis auf die Narben im Gesicht, keine bleibenden Schäden zurückbleiben. Die nächsten Tage und Nächte verbrachte Jack bei seinen Enkel im Krankenhaus, über ihn wachend, las ihm vor und betete, dass er wieder aufwachte. Und er tat es, ohne bleibende Schäden davonzutragen. Jack dankte Gott und bat ihn um Verzeihung für das, was er jetzt tun würde.

„Ich muss zurück nach Hause und ein paar wichtige Arbeiten erledigen. Ist das okay für Dich? Ich bin morgen Abend wieder bei Dir.“
„Ist okay, Grampa.“, murmelte Sam, leicht benommen von den Schmerzmitteln und nur schwer durch seinen verdrahteten Kiefer zu verstehen.
„Sehe ich so schlimm aus, wie ich mich fühle? Bin ich eine Vogelscheuche?“, fragte Sam mit einem Lächeln und Tränen im Gesicht.
„Du machst Dir doch nur Sorgen darum, ob Dich die Mädchen noch mögen. Aber da kann ich Dich beruhigen, mein Kleiner. Sie stehen nämlich auf Narben, machen dich sexy. Und jeder hier weiß, dass Du es mit drei Kerlen auf einmal aufgenommen hast. Du bist ein Held.“
Es klopfte an der Tür. Es waren Mary und Jonah aus seiner Klasse und in den Händen hielt das Mädchen Blumen und eine Schachtel Pralinen.
„Können wir reinkommen, Sam? Wir dachten, Du könntest jemanden gebrauchen, der Dir den Schulkram bringt. Außerdem wollten wir Dir sagen, dass wir alle hoffen, dass Du bald wieder bei uns bist.“
Jack zwinkerte seinem Enkel zu und ließ ihn mit seinen Freunden allein. Sein Lächeln erkaltete blitzartig, als er das Zimmer verlassen hatte. Er ging den Korridor hinunter, griff in seine Jackentasche und wählte eine Nummer auf seinem Handy.
„Ja, hallo, hier ist Jack Lane. Ich bin bereit zu verkaufen.“

Es war Freitagabend und das letzte Spiel der Baseballsaison endete mit einem Heimsieg für die Mannschaft der Stadt. Paul hatte seine Leute auf sein Anwesen eingeladen, um den Sieg gebührend zu feiern. Die Gruppe teilte sich auf ihre Wagen auf und machten sich auf den Weg. Paul und seine Freunde waren bereits ordentlich abgefüllt und hatten sich auf der Motorhaube seines Mustangs eine Line gezogen, um sich auf die Party einzustimmen. Laut grölend und die Musik bis zum Bersten der Boxen aufgedreht, rasten sie in die Nacht hinaus. Auf der Straße zum Brown-Anwesen, kamen sie an Jacks Feldern vorbei. Paul stieg plötzlich hart in die Eisen, drehte die Musik ab und ließ die anderen Wagen an ihnen vorbeifahren. Er stieg aus dem Wagen und traute seinen Augen nicht. Er stand vor einer neu errichteten Vogelscheuche am Rande des Maisfeldes, die ihn angrinste und verhöhnte. Lebensgroß mit einem Kürbiskopf und Strohhut war sie in einen alten, grauen Overall gehüllt und blickte selbstgefällig auf ihn herunter.

„Was ist denn das?!“, keifte Paul fassungslos.
„Dieser alte, sture Mistkerl! Hat er die Nachricht immer noch nicht verstanden oder ist er dermaßen senil, dass er es einfach nicht versteht?! Jungs, meinen Schläger, bitte!“
Einer seiner Freunde holte Pauls Glückschläger aus dem Kofferraum und warf ihn Paul zu. Dann stolzierte er hinüber zur Vogelscheuche, als bereite er sich darauf vor, vor einer ihn umjubelnden Menge einen Homerun zu schlagen.
„Gibs ihr, Paul!“, grölte Liam und warf seine geleerte Bierdose nach der Scheuche. Paul positioniert sich vor ihr und brachte sich in Stellung, als erwarte er, dass ein Pitcher ihm den Ball entgegenschleuderte. Dann holte er aus und schlug mit einem heftigen Hieb auf den Kürbiskopf ein. Es folgten weitere Schläge auf den Torso, Arme und Beine, dann wieder mehrere auf den Kopf, bis die Schale des Kürbis allmählich auseinanderglitt. Seine drei Freunde heulten laut auf, klatschten in die Hände und heizten ihn weiter an.
„Du bist der Beste, Paul! Zeig’s ihr!“ Dann dreschte er weiter hemmungslos auf die Vogelscheuche ein. Ein Berserker im Blutrausch. Aber dann spürte Paul, dass irgendetwas an dieser Vogelscheuche anders war, etwas nicht stimmte. Im Halbschatten des Scheinwerferlichts erkannte er die Überreste eines zerschlagenes Gesichts, dass sich im Innern des Kürbis offenbarte. Es war das Gesicht von Leroy A. Brown.