Blind Spot

Es war ein verregneter und stürmischer Samstagabend im Herbst. Mathilda Swan saß allein auf ihrem Sofa in ihrem Haus, eine Steppdecke über ihrem Schoß und einen Roman in den Händen, in den sie vergeblich versuchte einzutauchen und die Welt um sich herum zu vergessen. Draußen tobte das Unwetter und ließ die Fensterläden nervös zucken und klappern. Mathilda versuchte sich auf die Geschichte zu konzentrieren, aber ihre Gedanken schweiften immer wieder ab. Es war der erste Roman seit Jahren, für den sie sich Zeit nehmen wollte. Nach ihrem Zusammenbruch vor einigen Wochen, hatte sie sich von Arbeitskollegen und Freunden dazu überreden lassen, sich frei zu nehmen. Der Grund war eine Erscheinung, eine grauenhafte Vision, die sie eines Abends in einem Spiegel in ihrem Haus gesehen hatte. Es war eine tote Frau in einem blutdurchtränkten Nachthemd, deren Kehle durchschnitten war. Nie würde sie den Blick der Gestalt vergessen, der sie durchbohrte, den sie allerdings nur schwer deuten konnte. Mathilda erklärte sich die Vision der fremden, toten Frau damit, dass sie die Trauer um den Verlust ihrer Eltern verdrängt und sich stattdessen in die Arbeit gestürzt hatte. Sie waren vor drei Jahren bei einem Autounfall verstorben.
„Können sie mir etwas verschreiben? Ich möchte das nicht noch einmal durchmachen.“, sagte sie mit zitternder Stimme, als sie ihrer Therapeutin einige Tage zuvor gegenüber gesessen hatte.
„Ich verschreibe ihnen ein leichtes Mittel zur Beruhigung, aber wir sollten jetzt über ihre Eltern reden.“, entgegnete die Frau und sie führten ein zweistündiges Gespräch über Trauer und Verlust, dass Mathilda sehr gut tat.
„Ich werde den Spiegel abhängen und einfach verschenken.“, sagte Mathilda am Ende der Sitzung.
„Das ist keine gute Idee. Sie sollten ihr Leben normal weiterleben und sich ihren Ängsten stellen, um sie zu überwinden, sonst werden sie immer wieder daran erinnert, sobald sie in einen Spiegel blicken. Versuchen sie es bitte.“, ermahnte sie ihre Therapeutin und Mathilda beherzigte ihren Rat.

Das Unwetter wurde an diesem Abend zunehmend heftiger. Ein greller Blitz, ein ohrenbetäubender Donnerschlag und kurz darauf gingen in der Wohnung die Lampen aus. Mathilda war starr vor Schreck und musste sich für einen kurzen Augenblick sammeln. Dann erinnerte sie sich daran, wo sie die Kerzen aufbewahrte, und machte sich mit ihrem Handy Licht, bis sie den Vorratsschrank in der Küche erreicht hatte, wo sie Kerzen, Leuchter, Taschenlampe und Streichhölzer aufbewahrte. Sie hoffte sehr, dass der Strom schnell wieder hergestellt sein würde. Die Dunkelheit und das Gewitter zerrten an ihren angeschlagenen Nerven und sie überlegte, ob sie nicht lieber ihre Freundin besuchen sollte. Sich aber bei diesem Sturm nach draußen zu wagen und quer durch die Stadt zu reisen, hielt sie für eine weniger gute Idee. Also entzündete sie einige Kerzen und harrte den Moment aus. Ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken, als sie an den Spiegel im Flur in der oberen Etage dachte. Sie entschloss kurzerhand an diesem besonderen Abend den Rat der Therapeutin zu ignorieren und den Spiegel mit einem Laken abzuhängen. Er war zu groß und schwer und außerdem fest montiert, um ihn einfach von der Wand zu nehmen. Nachdem sie das Laken vor den Spiegel gehängt hatte und sie nicht den Schrecken einer neuen Vision erleben musste, fühlte Mathilda sich sicherer, setzte sich zurück auf das Sofa und widmete sich wieder ihrem Roman.

Später am Abend, der Sturm und das Gewitter hatten sich noch längst nicht verzogen und wüteten über der Stadt, beendete Mathilda den Roman, legte Buch und Decke beiseite und bereitete sich für das Bett vor. Der Strom war immer noch nicht wieder hergestellt, aber mit dem Laken über dem Spiegel fühlte sie sich sicher genug, um schlafen zu können. Nachdem sie die Kerzen gelöscht hatte und sich für die noch verbliebene Nacht fertig gemacht hatte, ging sie ins Bett und schlief nach wenigen Augenblicken ein. Ein Klirren riss sie aus einem unruhigen Traum. Sie griff instinktiv nach dem Nachtlicht, nur um festzustellen, dass es noch immer nicht funktionierte. Ihr erster Gedanke war, dass der Sturm etwas gegen eins der Fenster geschlagen haben musste, und es damit beschädigt hatte. Aber nach dem Klirren folgte ein Geräusch wie berstendes Holz und dann Schritte, die auf Scherben traten. Jemand war in ihr Haus eingebrochen. Das Herz schlug ihr die Kehle hinauf und mit weit aufgerissenen Augen starrte sie voller entsetzlicher, lähmender Erwartung zur Tür. Die Schritte bewegten sich langsam.

Mathilda vermutete die Person in der Küche, wo sie über die Glastür, die zum Garten führte, eingestiegen sein musste. Schlagartig griff sie nach dem Handy, um den Notruf zu wählen. Das Gewitter störte das Funknetz und sie bekam kein Signal. Sie griff zum Festnetztelefon, aber die Leitung war tot. Das konnte kein Zufall sein und sie spürte, dass dies von der Person verursacht sein musste, die in ihr Haus eingedrungen war und sich nun über die Treppe ihrem Schlafzimmer näherte. Mathilda blieb nur noch eine Möglichkeit zur Flucht. Sie musste über den Flur zum Badezimmer und dort aus dem Fenster über das Garagendach flüchten, bevor der Einbrecher, der weiß Gott was mit ihr im Sinn hatte, die erste Etage erreichen und ihr den Fluchtweg versperren würde. Sie hastete los, als sie Schritte die Treppe hinaufschreiten hörte. Sie rannte über den schmalen Flur und das Badezimmer war nur wenige Schritte entfernt, aber der Eindringling hatte seine Schritte beschleunigt und stellte sich ihr in den Weg. Sie schrie, als sie den in dunkler Kleidung vermummten Mann vor sich sah, groß und breitschultrig, stand er vor ihr, wie ein Monster aus einem Alptraum. Mathilda schrie, wandte sich um, stolperte dabei und spürte voller Entsetzen, dass sie von hinten gepackt wurde, zwei muskulöse Arme sie umschlangen und ihr den Brustkorb zu zerquetschen drohten. Sie strampelte wie wild mit den Beinen und versuchte den Angreifer vergeblich zu treten, aber es beeindruckte ihn nicht im Geringsten und er trug sie wie einen Sack vor sich her, zurück Richtung Schlafzimmer. Er wollte sie durch die Tür zwängen, aber sie stemmte sich mit aller Kraft mit den Beinen gegen den Türrahmen und schleuderte sie beide mit einem kräftigen Stoß zurück. Sie fielen gegen den mit dem Laken abgehängten Spiegel, worauf sich das Laken löste und zu Boden fiel.
„Halt still, Du Miststück! So wird es nur länger dauern!“, hallte seine tiefe, kratzige Stimme durch die schwarze Skimaske.
Mathilda schrie und mobilisierte noch einmal all ihre Kräfte, um sich dem erbarmungslosen Griff ihres Angreifers zu widersetzen. Dabei drehten sie sich einmal um die eigene Achse. Donner grollte und ein Blitz erhellte die Wohnung für einen Moment in seinem gleißendem Licht. In diesem Moment zeigte sich die Frau im Spiegel, entsetzlicher als je zuvor und Mathildas Schrei verstummte, zum Schweigen gebracht durch das Grauen, dass sich ihr dort offenbarte. Die Frau war nun von Würmer zerfressen, das faule Fleisch hing ihr von Gesicht und Körper, Maden tummelten sich in ihren Augenhöhlen und Blut strömte aus ihrer Kehle. Die entsetzliche Gestalt spie einen stummen Schrei aus. Der Angreifer ließ Mathilda los und schrie: „Nein, geh weg! Verschwinde! Lass mich!“
Schützend verschränkte er seine Arme vor dem Gesicht, taumelte zurück und verlor das Gleichgewicht hinter dem Treppengeländer. Er stürzte hinüber und durch das Treppenhaus ertönte das Knacken seines brechenden Genicks. Die Frau im Spiegel löste sich in einem Nebel auf. Ihre verzerrtes Gesicht schenkte Mathilda ein Lächeln und dann zeigte es Erlösung und Frieden, bis sich die Gestalt vollständig aufgelöst hatte und Mathilda nur noch ihr eigenes Bild im Spiegel sah, wie sie zusammengefallen auf dem Boden im Dunkeln ihres Hauses kauerte und nicht fassen konnte, was in diesen kurzen Augenblicken geschehen war. Die Hölle hatte sich für einen kurzen Augenblick geöffnet und das Monster, dass in ihr Haus eingebrochen war, verschlungen. Mathilda wankte halb benommen zum Geländer und blickte das Treppenhaus hinab. Unten lag die Leiche des Mannes, der ihr das Leben nehmen wollte und dafür mit seinem eigenen bezahlte.

Die Polizei teilte Mathilda mit, dass ihnen der Täter bekannt gewesen sei. Er war zuvor bereits in mehrere Häuser und Wohnungen eingebrochen, unter anderem in die einer jungen Frau und hatte sie vergewaltigt und ermordet. Mathilda recherchierte den Fall und fand ein Foto der Frau in einem Artikel. Es war die Frau, die sie im Spiegel gesehen hatte.

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