DOC – redux

Diese etwas längere Kurzgeschichte hatte ich vor vier Jahren geschrieben und erst vor kurzem habe ich mich endlich mal daran gemacht sie zu überarbeiten, abzuspecken und etwas auszufeilen. Hier ist der Final Cut der Geschichte über einen bemerkenswerten, tapferen Hund, der alles in seiner Macht stehende unternimmt, um die Menschheit zurückzuholen.

Ein warmer Sommertag. Noch lag ich im Schatten. Aber die Sonne, die die Pflastersteine im Hof zum Glühen brachte, scheuchte ihn langsam aber sicher davon.

„Ich bin in einer viertel Stunde wieder zurück! Pass schön auf, Doc. Dass niemand bei uns einsteigt!“, sagte sie und eilte fluchend vom Hof. Sie hatte Zutaten für das Mittagessen vergessen.

Ich wartete geduldig, aber Ann-Marie kam und kam nicht zurück. Nennt mich zimperlich, aber ihr wisst auch nicht, wie es sich anfühlt bei vierzig Grad unter der prallen Sonne zu schmoren. Ich war mir sicher, dass mein Fell jeden Moment Feuer fangen würde. Und dieser Durst. Jetzt beschwerte ich mich also doch.

„Hör doch mit dem Geheule auf, Doc. Wo ist Ann-Marie? Ist David noch nicht wieder aus der Schule zurück?“, fragte mich unser Nachbar. Herr Hartmann lehnte sich über den Zaun, nahm seinen Anglerhut ab und rieb sich den Schweiß aus dem Gesicht.

„Na warte Junge, ich komme rüber. Dein Napf ist völlig leer gesüppelt. Ich bring dir was.“

Der gute Herr Hartmann verschwand kurz hinter dem Zaun, kam dann mit einer Flasche Wasser durch das Hoftor und goss meinen Napf wieder voll. Ich schleckte ihm dankend die Hand ab und er kraulte mich hinter dem Ohr. Die Welt war wieder halbwegs in Ordnung.

„Das ist ja was! Lässt sie dich einfach hier in der Sonne zurück!“

Dann sprang das Hoftor erneut auf und David stürzte in den Hof. Er lief zur Haustür und kramte in seiner Hosentasche nach seinem Schlüssel. Er jetzt bemerkte er uns, war überrascht und sah uns mit in Tränen eingelegten Augen an. Schnell wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht und zog die Nase hoch.

„Herr Hartmann?! Entschuldigung, dieser dämliche Heuschnupfen.“, sagte David, aber er konnte uns nichts vormachen.

„Oh nein, nicht schon wieder. Diese feigen Kerle haben dich wieder gepackt, oder? Ich verstehe das nicht. Ihr wart doch vor kurzem noch Freunde und jetzt prügelt ihr euch alle paar Tage. Wie kommt so etwas?“

„Ich weiß es nicht. Thomas ist halt irgendwie seltsam geworden seit er mit diesen Idioten rumläuft. Die haben einfach nur Scheiße im Kopf – `tschuldigung.“

„Wie kommt so etwas? Deine Großmutter sollte ein ernstes Wort mit seinem Vater reden!“

„Jakes Auto habe ich seit Wochen nicht mehr gesehen. Er pennt vermutlich schon auf seiner Arbeit. Thomas kann einem leid tun. Erst haut seine Mutter ab und jetzt lässt Jake ihn auch noch hängen.“

„Tja, weißt du David, vielleicht hängt das alles miteinander zusammen. Ann-Marie sollte sich Jake trotzdem einmal vorknöpfen. So kann es ja nicht weitergehen. Oder du nimmst in Zukunft einfach unseren Doc hier mit zur Schule, was meinst du?“, sagte Herr Hartmann und tätschelte mir die Seite.

Dafür gab es noch einmal einen Handabschlecker, denn seine Idee fand ich ausgezeichnet. Ich bekäme mehr Auslauf und David hätte eine „Unfallversicherung“. Wut und Scham wichen einem Lächeln und Davids Laune besserte sich schlagartig. Ich ging zu ihm und ließ mich auch von ihm hinterm Ohr kraulen – ach ja, mir ging es schon recht gut.

„Kommen sie auf einen Kaffee mit rein, Herr Hartmann?“, fragte David.

„Danke, aber ich glaube ich mache mich wieder an die Arbeit. Wenn ich mit der Hecke nicht fertig bin bis meine Frau zurück ist, werde ich mich auf eine Tracht Prügel einstellen müssen!“

Sie verabschiedeten sich und er ging zurück in seinen Garten. Ich war froh mich drinnen ein wenig auf die kalten Küchenfliesen legen zu können. David fand in der Zeit eine Notiz von Ann-Marie am Kühlschrank. Nachdem er die Nachricht gelesen hatte, zerknüllte er den Post-it, nahm eine Cola aus dem Kühlschrank und ging ins Wohnzimmer.

„Komm her, Doc!“

Aber mir war nicht danach meinen kühlen Platz zu verlassen. David kramte nach der Schule meistens seine Comics heraus, las darin oder malte Bilder aus ihnen ab. Noch vor wenigen Monaten hatte er seinen Freund Thomas mitgebracht. Die beiden hingen miteinander ab und Ann-Marie hatte sie, zusammen mit mir, regelmäßig nach draußen geschickt, damit „die Jungs auch mal an die frische Luft kommen, weil sonst ihr Gehirn an Sauerstoffmangel verkümmern wird!“ – einer ihrer Lieblingssätze. Aber eigentlich wollte sie nur ein bisschen Ruhe und Zeit für sich haben. Ich merkte manchmal, dass ein pubertierender Junge nicht einfach für sie war. Besonders der Anfang war für sie sehr schwer, nachdem Davids Eltern verunglückt waren. Ann-Marie hatte den Jungen aus der großen Stadt hierher geholt und er fand in Thomas, der ein paar Straßen weiter wohnte, gleich einen Freund.

„Was ist denn mit dem Rechner los? Kein Internet?! Na super!“

Sein zweitliebstes Spielzeug. David war manchmal jähzornig. Er hatte sonst kein großes Verlangen danach, permanent online zu sein, aber manchmal, recherchiert er gerne Dinge, die ihn gerade beschäftigen. Und dann ist er oft ein wenig stinkig, wenn er es nicht sofort herausbekommt, oder etwas nicht klappt. Ann-Marie hatte nicht die stabilste und schnellste Leitung.

„Mein Smartphone hat kein Empfang und der Fernseher funktioniert nicht.“, sagte er und ich hörte, wie er durch das Wohnzimmer lief. „Der ganze Strom ist ja auf einmal weg!“

Es lag noch etwas anderes in der Luft. Meine Sinne schlugen Alarm. Etwas stimme nicht. Ein Donner, ein unglaublich lautes Grollen, durchbrach den Nachmittag. Ich sprang auf und jaulte. Und wieder. Ein Donnern, so laut, dass er in den Ohren schmerzte. Ich merkte, wie sich der Himmel schlagartig verdunkelte. David kam in die Küche gerannt.

„Was ist das denn das?!“, schrie er, um gegen den Krach anzukommen. Er ging zum Fenster. Draußen wurde es immer dunkler. Wieder ein Donner. Und wieder einer. Immer lauter, die Abstände kürzer. Diesmal folgten grelle Blitze, die draußen alles für Sekundenbruchteile in weißes Licht tauchten.

„Oh Mann!“, schrie David, entfernte sich vom Küchenfenster, hockte sich neben mich und schlang seinen rechten Arm um mich – das beruhigte, aber ich spürte, dass auch ihm nicht ganz wohl bei der Sache war.

Das Donnern wurde stärker, die Intervalle kürzer und die Blitze zuckten immer schneller am Himmel entlang. Ich war zwar kein besonders gläubiger Hund, aber ich dachte in diesem Moment, die Apokalypse würde über uns hereinbrechen. Und ja, hätte ich Hosen angehabt, hätte ich mit am liebsten da reingemacht. Aber so muss man sich ja immer zusammenreißen.

David zog mich fester an sich heran und hielt mir die Ohren zu. Er kauerte sich neben mich und die Welt um uns herum schien auseinanderzureißen. Alles war nur noch in grelles, weißes Licht getaucht und das Donnern brach direkt über uns herein. Doch dann … Stille. Von einem Augenblick zum nächsten. Kein Donner, kein Krach. Der Himmel zog sich genauso schnell wieder auf, wie er sich zugezogen hatte und die Welt draußen badete wieder in dem warmen Licht der Sonne. Als wäre nichts gewesen. David entließ mich aus seinen Armen und stand wieder auf. Er ging zum Fenster und sah nach draußen. Ich folgte ihm und hievte meine Pfoten auf die Fensterbank, um auch einen Blick hinauszuwerfen. Und dort war … alles wie gehabt. Zumindest schien es so.

„Komm mit, Doc. Sehen wir uns einmal um. Ich hoffe es ist niemandem was passiert.“

Ich folgte ihm durch die Haustür. Draußen war erst einmal nichts außergewöhnlich. Außer die Stille. Es war einfach sehr, sehr ruhig. Ich wusste nicht, ob David es auch bemerkt hatte, aber die Menschen schienen sich allesamt verkrochen zu haben. Na ja, kein Wunder, dachte ich mir. Nach diesem Getöse kamen sie vermutlich gerade erst wieder unter ihren Küchentischen hervor.

David blickte über die Hecke in den Garten von Herrn Hartmann. Er sah ihn nirgends. Dann ging er durch das Hoftor. Ich folgte ihm nach nebenan, wo er an Herrn Hartmanns Tür klingelte. Aber niemand öffnete. Ich hörte immer noch nichts. Ansonsten hörte ich immer irgendjemanden plappern, Rasen mähen oder Auto fahren – die Menschen machen so viele herrliche sinnlose, aber auch laute Sachen. Und gerade jetzt, nach diesem seltsamen Ereignis, hätte ich eher erwartet, dass sich die Nachbarn schon in wilder Aufregung über das Donnern unterhalten. Doch ich hörte nichts. David und ich gingen um das Haus herum. „Herr Hartmann? Sind sie da? Ist alles in Ordnung bei ihnen? Herr Hartmann?“, rief David, bekam aber keine Antwort. Auf dem Weg zur Veranda blickte er verdutzt auf einen Kleiderhaufen, unter dem auch ein paar Schuhe herausragten, kümmerte sich dann aber nicht weiter darum. David warf erst einen Blick durch das große Fenster und klopfte dann ein paar Mal feste dagegen.

„Hallo? Herr Hartmann?“, rief er, schob die Tür auf und ging in das Haus.

Ich verharrte noch vor dem Kleiderhaufen und steckte, wie es so unsere Art ist, meine Schnauze hinein. Noch vor wenigen Sekunden steckte noch jemand in dieser Kleidung und es war Herr Hartmann – und er trug diese Unterhose schon länger als einen Tag. David kam wieder aus dem Haus heraus.

„Das gibt es doch nicht. Im Haus ist er nicht. Ich hatte mir erst Sorgen gemacht, dass er bei dem ganzen Krach noch einen Herzinfarkt bekommen hatte. Aber im ganzen Haus ist niemand. Seltsam. Was hast du denn da?“, fragte er mich, kam auf mich zu und inspizierte jetzt den Kleiderhaufen genauer.

„Aber das sind doch die Sachen, die Herr Hartmann gerade noch getragen hat. Ich verstehe das nicht. Was soll das?“, fragte er mich, oder eher sich selbst, da er von mir nicht wirklich eine Antwort erwartete.

„Komm mit. Wir suchen erstmal Oma. Hoffentlich ist ihr nichts passiert. Vielleicht haben wir auch gleich wieder Netz und kriegen raus, woher dieses komische Gewitter kam“, sagte David und ging zurück zur Straße. Ich hob noch einmal schnell mein Beinchen an der Hecke und folgte ihm. David sah links und rechts die Straße hinunter.

„Doc, warum ist es hier so unglaublich ruhig? Müssten unsere Nachbarn nicht eigentlich in heller Aufregung hier rumlaufen und sich den Mund fusselig reden?“

Jetzt dämmerte auch ihm, dass etwas nicht stimmte. Er ging den Gehweg rechts hinunter, Richtung Stadt. Wenn Ann-Marie noch schnell etwas kaufen musste, dann hätte sie das in dem kleinen Lebensmittelladen am Ende der Straße erledigt. Ich ging davon aus, dass wir dorthin unterwegs waren. David sah immer wieder ungeduldig hin und her, in der Hoffnung jemanden zu sehen. Ich sperrte meine Lauscher auf und versuchte vergeblich Witterung aufzunehmen. Ich hörte aber immer noch niemanden und seltsamerweise verblassten auch die Gerüche der Menschen. Ich fragte mich, ob sie alle auf einmal weggelaufen wären. Mitten auf der Straße standen verweiste Autos. Es waren keine Fahrer zu sehen. David ging einen Schritt schneller. Dann fing er an zu laufen. Wir beide rannten die Straße hinunter, bis wir an dem kleinen Lebensmittelladen ankamen.

David und ich stürzten in den kleinen Laden. „Oma? Hallo? Ist hier jemand?“
Keine Antwort. Doch dann hörten wir ein leises Schluchzen aus der hinteren Ecke. Ein Mädchen, wie es sich anhörte. David lief das Konservenregal entlang zum anderen Ende des Raums. Ich folgte ihm. Und da sahen wir das Mädchen. Sie hockte in der Ecke vor dem Eingang zum Lagerraum. Sie sah uns verstört an und Tränen rannen ihre Wangen hinunter.

„Hey, alles in Ordnung? Keine Angst. Ich bin David und das hier ist Doc. Wir suchen nur meine Großmutter.“, sagte David und wartete vergebens auf eine Antwort. Er kniete sich neben sie und ich stupste sie mit der Nase an, was sie etwas tröstete und beruhigte.

„Hast du vielleicht eine Ahnung, wo alle sind? Ich wohne ein paar Häuser weiter die Straße rauf. Doc und ich waren im Haus als der Krach losgegangen ist. Plötzlich waren alle Leute wie vom Erdboden verschluckt. Wir sind losgelaufen, um nach meiner Oma zu sehen, die hier noch etwas für das Mittagessen einkaufen wollte, und jetzt ist sie auch nicht hier. Nur du bist hier.“

Das Mädchen warf ihre Arme um Davids Hals und fing an zu weinen. David war verwirrt und ängstlicher als zuvor – mir ging es nicht besser.

„Ist ja schon gut, es ist …“, begann er. Sie unterbrach ihn.

„Sie haben sich aufgelöst. Einfach aufgelöst. Es war der Verkäufer und eine ältere Frau. Ich weiß nicht, ob es deine Oma war. Sie standen bei dem Gewitter dort drüben. Dann, ein grelles Licht und auf einmal sind sie verschwunden! Sie haben sich einfach in Luft aufgelöst. Nach dem Gewitter wollte ich dann die Polizei, die Feuerwehr oder irgendwen rufen, aber der Strom und das ganze Netz ist weg.“ David befreite sich langsam aber bestimmt auf den Armen des aufgebrachten Mädchens.

„Moment mal. Langsam ich verstehe kein Wort. Wie wäre es, wenn du dich vielleicht erstmal beruhigst. Was heißt hier aufgelöst?“

„Dort drüben.“ Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und versuchte ihre Fassung wieder zu erlangen. „Dort standen Sie und dann waren nur noch ihre Kleider da. Ich hatte so schreckliche Angst und habe mich versteckt.“

David beäugte sie misstrauisch und ich spürte seine Angst, dass an ihrer Aussage etwas schrecklich Wahres dran sein könnte. Er ging zu dem Fenster. Ich folgte ihm erst und überholte ihn dann schnell. Ein vertrauter Geruch. Er kam von einem der Kleiderhaufen, die tatsächlich vor dem Ladenfenster lagen. Es war der Geruch von Ann-Marie. Es waren ihre Kleider und ihre Sandalen, die sie trug, als sie vom Hof gegangen war. David schob mich behutsam zur Seite, damit er die Kleiderhaufen selbst inspizieren konnte. Fassungslos stand er auf und ging einige Schritte zurück. Er war blass und ich fürchtete, dass er jeden Momet ohnmächtig werden würde. Das Mädchen stand hinter ihm, wieder gefasster.

„Ich sagte doch, dass sie sich einfach aufgelöst haben. Es tut mir leid.“, sagte sie.

„Was heißt aufgelöst?! Wo sind sie?!“, schrie David, fuhr herum und diesmal griff er sie heftig an den Schultern und schüttelte sie. Ich bellte ihn an. Er war panisch.

„Hör auf, du tust mir weh!“, sagte sie. Ich bellte und überlegte, ob ich ihn tatsächlich in die Wade beißen müsste, um ihn wieder irgendwie zur Besinnung zu bringen.

„WO IST SIE?!“, schrie er und ich machte mich bereit. Doch schneller, als ich überhaupt irgendetwas tun konnte, packte das Mädchen David am Handgelenk, drehte ihm den Arm auf den Rücken und versetzte ihm einen schnellen Tritt in die Kniekehle, woraufhin er zu Boden sackte. Ich hielt mich vorerst aus der Sache raus und machte sicher ein recht welpisches Gesicht.

„Beruhig du dich jetzt mal! Ich weiß auch nicht, was hier abläuft, aber wenn wir hier beide jetzt durchdrehen, helfen wir niemanden! Also reiß dich zusammen und fass mich bloß nicht wieder an! Okay?!“

David verzog sein Gesicht vor Schmerz, aber ich sah, dass es ihm von der Hysterie befreit hatte.

„Okay.“, presste er zwischen den Zähnen hervor.

Sie ließ ihn los und stand auf. Ich ging zu meinem Kumpel, um ihn zu trösten. Er kraulte mich am Ohr und ich leckte ihm eine Träne vom Gesicht.

„Was machen wir denn jetzt?“, fragte David.

Er versuchte sich unauffällig die übrigen Tränen wegzuwischen. Das Mädchen tat so, als hätte sie nichts gesehen, denn Sie merkte, dass es ihm peinlich war. Sie nahm ihr Smartphone aus der Hosentasche und inspizierte es.

„Ich kann es nicht einschalten. Nach den Blitzen funktioniert hier nichts mehr. Alles Elektrische scheint den Geist aufgegeben zu haben.“

David kontrollierte sein eigenes, schüttelte frustriert den Kopf und steckte es wieder zurück in seine Hosentasche. Er stand verzweifelt vor dem Kleiderhaufen, in dem wohl einmal seine Großmutter steckte.

„Ich verstehe es nicht.“, flüsterte er und ballte seine Fäuste.

Er wollte gerade hinunter zu den Kleidern greifen, zögerte aber. Ihm war nicht wohl dabei, Ann-Maries Kleider zu durchsuchen. Ich konnte mir vorstellen, dass es nicht nur unheimlich, sondern auch gleichzeitig absonderlich peinlich sein musste, denn unter Ann-Maries Sommerkleid lugte auch ihre Unterwäsche hervor. David überwand seine Hemmungen und falsche Scham, griff hinunter und tastete nach ihrer Handtasche. Er nahm ihre Brieftasche heraus und überprüfte den Inhalt. Er wollte wohl noch einmal ganz sichergehen, dass es auch wirklich ihre Sachen waren. Als er ihren Ausweis in den Händen hielt, überkam ihm die traurige Gewissheit. Aber ihm wurde keine Zeit gegeben, sich von der Verzweiflung übermannen zu lassen.

„Hey!“, rief das Mädchen. „Da draußen ist jemand!“

Sie rannte nach draußen. David wurde aus seinen Gedanken gerissen, blickte ihr erst verwirrt hinterher, ließ die Brieftasche zurück auf die Kleider fallen und folgte ihr. Ich folgte den beiden. Aber es war kein Mensch, den wir draußen auf der gegenüberliegenden Straßenseite antrafen.

„Ein Hund! Er ist noch angeleint.“, sagte das Mädchen und die Promenadenmischung kam auf uns zu.

Ich tapste an dem Mädchen vorbei, dass sich hoffnungsvoll nach seinen Besitzern umsah, und lief zu ihm. David und ich erkannten ihn. Es war Charlie, der Hund von Nachbarn; einem jungen Ehepaar.

„Hey.“, begrüßte er mich salopp und wir beschnüffelten uns freundlich. Der Geruch unseres Gegenübers verriet uns immer viel darüber, wo er herkam, was er gemacht und erlebt hat und was er in letzter Zeit gegessen hat. Der Geruch erzählt uns mehr als tausend Worte.

„Hi. Ich nehme an, du hast mitbekommen, was passiert ist? Kannst du dir einen Reim darauf machen?“, fragte ich ihn.

„Nein. Das Gewitter kam, ich war mit meinen beiden unterwegs, dann haben sie sich in Luft aufgelöst und nur noch ihre Sachen blieben zurück.“

„Hast du noch andere getroffen?“, fragte ich.

„Ich habe mit Rocky gesprochen. Seine Besitzer sind auch verschwunden. Ein paar Katzen erzählten dieselbe Geschichte. Keine Menschen weit und breit. Die beiden dort hinter dir sind die ersten, die ich sehe.“, sagte er.

Während Leo und ich uns unterhielten und beschnüffelten, kamen David und das Mädchen zu uns. Das Mädchen stellte Charlie zwar auch Fragen, war sich aber, denke ich, sicher, dass er ihr sie nicht beantworten konnte.

„Hallo, na du? Wo ist denn dein Frauchen?“ – oft wechseln die Menschen in eine höhere Stimmlage, wenn sie mit uns „sprechen“. Ich weiß nicht warum.

„Was meinst du?“, sprach Charlie weiter. „Denkst Du diese Idioten von Menschen habe es endlich doch geschafft, sich selbst auszuradieren? Wurde uns dieses Fleckchen Erde endlich wieder überlassen?“W

Weder gefiel mir sein Tonfall, noch seine Wortwahl. Ich wusste, dass Charlie Probleme mit seinem Herrchen und Frauchen hatte, aber das er ihrem Verschwinden so emotionslos, ja sogar mit einer sadistischen Freude begegnete, gefiel mir gar nicht.

„Ach komm, hör auf. Ich weiß auch nicht, was hier geschieht, aber vielleicht helfen wir diesen Kindern erst einmal. Sie können doch unmöglich die einzigen sein. Lass uns herausfinden, was passiert ist, bevor du die Korken knallen lässt.“, sagte ich.

In der Zeit unterhielten sich auch David und das Mädchen weiter, während sie uns streichelten und tätschelten.

„Was machen wir jetzt?“, fragte David.

„Lass uns zu meinem Cousin gehen. Ich hoffe, er ist nicht auch verschwunden. Und dann will ich meine Mutter vom Festnetz versuchen anzurufen. Aber sie ist zu Hause in Berlin. Wir können doch nicht die einzigen sein.“, sagte das Mädchen und ihre Stimme zitterte.

David reagierte schnell, als er merkte, dass sie anfing zu weinen und nahm schnell das Gespräch wieder auf.

„Cousin? Und er wohnt hier in der Gegend?“, fragte er und gleichzeitig dämmerte ihm etwas.

„Moment mal, wer bist du überhaupt und wie heißt du? Ich glaube nämlich, dass ich deinen Cousin ganz gut kenne.“, sagte David.

„Ich bin Vanessa. Mein Cousin wohnt hier mit seinem Vater. Ich besuche die beiden über die Ferien.“, sagte sie und klang schon wieder etwas ruhiger.

„Dein Cousin ist nicht zufällig Thomas Hammilton?“, fragte David, der eins und eins zusammengezählt hatte.

„Doch genau. Kennst du ihn?!“

„Ja, er ist… ein Bekannter. Wir gehen auf die selbe Schule. Er wohnt bei mir in der Nähe.“

Ich spürte, dass David nicht ganz wohl bei dem Gedanken war, zu ihm zu gehen.

„Gut, lass uns gehen!“, sagte er widerwillig.

Vanessa nickte ihm zu, schien den Missmut in seiner Stimme aber nicht deuten zu können. Sie nahm Charlies Leine und wollte ihn mitnehmen, aber auf einmal knurrte er, bellte und wehrte sich. Er fletschte sogar die Zähne.

„Hey, was soll denn das? Die Kinder werden dir schon nichts tun. Sie werden dir eher Futter und Wasser geben. Beruhige dich erst einmal!“, sagte ich zu ihm.

„Nein. Die Menschen sind weg und wir sind jetzt wieder am Zug. Sie hatten ihre Chance und haben es vergeigt. Ich lasse mich nicht mehr von ihnen herumkommandieren. Ich werde nicht mehr von ihren Launen abhängig sein. Ich werde mich nicht mehr demütigen lassen, weil ich in die Wohnung kacke, nur weil sie vergessen haben mit mir raus zu gehen und mich dafür auch noch anschreien und verprügeln lassen… Nein!!! Ich habe heute schon andere von uns getroffen, die genauso denken, wie ich. Du musst auch nicht bei ihnen bleiben; bei ihrer verkommenen Brut!“, kläffte mein alter Freund. Da wurde mir bewusst, dass er mir zwar sehr leid tat, aber er von seinen Misshandlungen auch einen ziemlichen Knacks wegbekommen hatte.

Vanessa ließ erschrocken die Leine los und trat schnell einige Schritte von ihm zurück.

„Doch, das muss ich. Und ich denke, dass es jetzt besser ist, wenn du Leine ziehst, alter Freund, solange du noch alle Beine hast!“, warnte ich ihn mit einem tiefen und unmissverständlichen Knurren. Ich hasste es, so etwas zu tun, aber er ließ mir keine andere Wahl. Er verstand und trat den Rückzug an.

„Wir sind jetzt wieder dran! Wir sind wieder frei! Allen wird es jetzt wieder bessergehen!“, kläffte er wie ein hysterischer Spitz, bevor er hinter der nächsten Straßenecke verschwand.

„Das ist sonst so ein lieber kleiner Kerl. Muss am Gewitter und dem ganzen Mist liegen. Er ist wahrscheinlich genauso verwirrt, wie wir. Komm, lass und gehen.“, sagte David.

Wir machten uns auf den Weg zu Davids altem Freund und Vanessas Cousin. Doch Charlies Verhalten ließ mich nichts Gutes ahnen und ich ging mit größter Vorsicht voran.

***

Kleiderhaufen, ineinander gefahrene und stehengebliebene Autos, leere Kinderwaagen. Vanessa und David riefen immer wieder nach jemandem, irgendjemandem, in der Hoffnung, dass irgendjemand auch antworten würde. Vergeblich. Die Stille war bemerkenswert. Und grausam, wenn ich daran dachte, was sie zu bedeuten hatte. Aus der Ferne konnte ich sonst immer leise das stete Rauschen der Autobahn hören. Mal lauter, mal leiser, je nach Windrichtung. Jetzt war da nichts mehr. Hier auf den Straßen, in denen die Autos meistens nicht schneller fuhren als dreißig, sah es bereits sehr chaotisch aus. Was die Menschen wohl auf all ihren anderen Straßen unwillkürlich verursacht haben mussten, als sie auf einmal verschwunden waren? Und ihre großen Flugzeuge, Hubschrauber, Züge und Schiffe? Was sie wohl, auf einmal unbemannt, für Schaden angerichtet hatten? Ich mochte gar nicht darüber nachdenken und konzentrierte mich wieder auf die Kinder.

David und Vanessa sahen abwechselnd immer wieder auf ihre Smartphones in der Hoffnung, dass sie sich wieder mit einem Netz verbinden. Es ist seltsam, aber das ihre kleinen Geräte nicht funktionierten, beunruhigte sie wohl am meisten. Wenn die Menschen vom „Vernetztsein“ sprechen, sehen sie sich dann als Fliege oder eher als Spinne? Manchmal wünschte ich mir, ich könnte einen ihrer Computer bedienen, um selbst einmal zu recherchieren. So bin ich immer darauf angewiesen zu hören, was die Spatzen vom Dach pfeifen. Wir nennen es „twittern“. Aber aus dem Stuss kann man sich immer alles mögliche zusammenreimen.

„Doc, bist du das?“, hörte ich eine Stimme in meinem Kopf rufen. Es war nicht die Sprache meiner Spezies. Ich konnte ihren Dialekt dennoch sofort zuordnen. Manchmal ist es schwierig mit ihnen zu reden. Unsere Sprachen sind zwar ähnlich, unterscheiden sich aber doch so weit, dass es immer gerne zu Missverständnissen kommt, die dann in recht aggressiven Streitigkeiten enden. Katzen. Es war Gilbert, der Kater von Herrn und Frau Engels.

„Hallo Gilbert.“, begrüßte ich ihn und wir blieben auf vorsichtiger, aber höflicher Distanz zueinander.

„Timmi hatte mir bereits erzählt, dass du hier mit den letzten Menschen herumläufst – das ist nicht abwertend gemeint. Jedenfalls… viele Tiere treffen sich unten im Stadtzentrum, um die Angelegenheit zu bereden. Bis jetzt habe ich von keinen anderen Menschen gehört, der den Sturm überlebt hat. Vielleicht solltest du einmal darüber nachdenken, ob du Kontakt mit den beiden dort aufnimmst?“, sagte Gilbert und ich mochte weder den süffisanten Tonfall in seinen Gedanken, noch die abfällige Selbstzufriedenheit.

David und Vanessa blickten uns verwirrt an, wie wir uns gegenüberstanden und uns wider Erwarten, nicht bekämpften. Wir Tiere gaben uns meistens mehr Mühe dem Bild, was wir ihnen seit tausenden von Jahren vorspielen, nicht zu widersprechen. Wir ließen den Menschen in dem Glauben, denn wir hatten beobachtet, was er bereits alles mit seinesgleichen anstellt, wenn er ihn nicht versteht. Und dabei sprechen sie oft sogar dieselbe Sprache – oder auch nicht.

„Noch nicht. Ich will erst mehr wissen. Sag den anderen, sie sollen ruhig bleiben und die Katze nicht voreilig aus dem Sack lassen.“, sagte ich. Gilbert verdrehte die Augen.

„Wie du meinst. Ich gehe jetzt runter. Aber überlege Dir gut, was du mit den beiden dort machen willst, wenn sie wirklich die einzigen sind. Vergiss nicht. Es gab das schon einmal. Es ist nur eine sehr lange Zeit her.“, sagte Gilbert, sprang elegant auf eine Mauer und entfernte sich auf ihr; die Straße hinunter Richtung Stadtzentrum.

„Sag ihnen, sie sollen nicht vorschnell handeln. Es ist anders als damals!“, bellte ich ihm hinterher. Die Kinder sahen mich völlig fassungslos an. Für sie hörte der Lauf an seltsamen Erscheinungen nicht auf. Für uns Tiere war es die ganz normale Art uns zu unterhalten, zumindest, wenn Menschen nicht in der Nähe waren. Sie würden es wahrscheinlich Telepathie nennen. Für uns war es Small Talk. Es musste seltsam genug für sie gewesen sein. Ich hatte mir vorgenommen, ab diesem Zeitpunkt vorsichtiger zu sein. Die kleinen würden sicherlich sonst durchgedrehen.

„Komm schon Doc, lass uns gehen.“, sagte David zögernd und unsicher, aber nur mit vorübergehendem Misstrauen. Das fragende Gesicht, wich schnell wieder einer sorgenvollen Miene.

„Thomas wohnt mit meinem Onkel gleich dort drüben. Aber das weißt du ja. Das Haus mit dem großen Rasen im Vorgarten.“, sagte Vanessa und gab sich ebenso sichtlich Mühe, diese für sie verwirrende Situation, zu übergehen.

„Igitt!“, sagte David plötzlich und inspizierte angewidert seine linke Schulter.
Vanessa lachte.

„Na komm, so etwas soll doch angeblich Glück bringen!“, sagte sie.

Eine Krähe hatte David erwischt. Volle Breitseite. Dann gab auch Vanessa ein angewidertes „Uahh!“ von sich. Ein Flatschen Vogelexkrement hatte nun auch sie erwischt. Direkt auf ihrem Kopf. Ich blickte nach oben, suchte den Himmel ab und fand die Übeltäter. Krähen. Erst zwei, dann noch eine und noch eine. Es kamen immer mehr herbeigeflogen, umkreisten uns und ließen ihre kleinen, fiesen Bomben auf uns herab.

„Eklig! Was soll das?! Lasst uns schnell verschwinden!“, rief David und die Kinder rannten schnell Richtung Haus. Ich folgte ihnen, stellte aber meine gefiederten Freunde auch gleichzeitig zur Rede.

„Seid ihr übergeschnappt dort oben? Wenn ich einen von euch erwische, dann…“, bellte ich sie an, aber sie lachten nur laut. Menschen nehmen diese Laute lediglich als Krächzen war. Vögel verfügen über ein kollektives Bewusstsein. Sie sind wie eine Person. Und weil sie dann allerdings auch gleichzeitig mit so vielen Stimmen auf einmal sprechen, sind sie oft nur schwer zu verstehen.

„Sie sind alle weg. Und deine beiden dort unten auch bald! Geschieht ihnen recht. Wir haben ihnen lange genug alles durchgehen lassen!“, krächzten sie im Chor.

Wir liefen im Zickzack über den großen Rasen und duckten uns unter den fallenden Bomben hinweg. Die eine oder andere erwischte uns leider trotzdem. Und das war nur ein Vorgeschmack von dem, was noch kommen würde.

Wir drängelten uns an die Haustür, wehrten diese verrückten Aasgeier ab – so gut es ging – und Vanessa kramte hektisch nach ihrem Schlüssel und klingelte gleichzeitig sturm. Abwechselnd flogen die Krähen im Sturzflug auf uns hinunter, wie Dartpfeile, die auf unser Gesicht geworfen wurden und unsere Augen waren das Bullseye. Ich schnappte zwar nach ihnen, allerdings vergeblich. Wie gerne hätte ich Sie erwischt! Aber diese fiesen Krähen waren einfach zu flink. Auch David wehrte sie energisch ab und schlug nach ihnen. Eine konnte er erwischen und sein Hieb schleuderte Sie auf den Rasen. Sie rappelte sich schnell wieder auf, flog wieder in die Luft, nur um sich ihrem aggressiven Klan wieder anzuschließen. Und die Attacken wurden immer stärker und die Intervalle zwischen den Angriffen kürzer. Die Kinder hatten von den Krallen und Schnäbeln bereits Kratz- und Schürfwunden an Armen, Händen und im Gesicht.

„Nun mach schon die Tür auf! Die hacken uns die Augen aus!“, drängte David Vanessa, was nicht gerade hilfreich war, denn ihrer Panik war zu verschulden, dass wir nicht schon längst im Haus waren. Ihre Hände zitterten. Endlich hatte Vanessa den Schlüssel gefunden und stieß hastig dieTür auf. Ein Wunder, dass Sie es überhaupt schaffte. Wir drei stürzten hinein und David rammte so schnell er konnte die Tür mit einem schnellen Tritt wieder zu. Eine weitere Krähe setzte in dieser Sekunde gerade zum Sturzflug an. Sie kam nur mit dem Kopf an der Türschwelle vorbei, der ihr dann von der zuschlagenden Tür abgetrennt wurde. Vanessa schrie auf und wandte ihren Blick schnell ab. Das Blut färbte die weiß lackerte Holztür und den Rahmen rot und sprenkelte die weißen Fliesen. Der Kopf der Krähe kullerte in das anliegende Wohnzimmer. Ihre Augen sahen uns noch ein letztes Mal an und zwinkerten uns zu.

Dann hörte ich plötzlich ein Poltern und hastige Schritte aus der ersten Etage. David und Vanessa richteten sich wieder auf. Ich warnte das, was auch immer auf uns zukam mit einem tiefen, unmissverständlichen Knurren und war darauf gefasst zuzubeißen und so schnell nicht mehr loszulassen. Als ich die Gestalt erkannte, die vom oberen Treppenabsatz fassungslos auf uns hinunterblickte, wollte ich mein Vorhaben spontan dennoch in die Tat umsetzen – oder gerade deswegen. Allerdings griff David schnell genug ein und hielt mich zurück.

„Doc! Nicht! Aus!“
“Thomas! Du bist noch da! Dir ist nichts passiert!“, rief Vanessa in überschwellender Freude, was mir ein Rätsel war – hätte dieses Gewitter alle anderen verschonen können, wenn es nur diesen einen Jungen mitgenommen hätte. Aber das war meine Meinung. Sie rannte die Treppe hinauf und ihrem Cousin in die Arme. Draußen flatterten die Krähen immer heftiger gegen die Fenster. Es wurden mehr und mehr. Das Licht, das durch die Fenster aus dem Vorgarten hineinfiel, wurde jetzt von einer Wolke aus schwarzen Federn verdrängt.

„Hey, hör auf damit! Was soll denn das?“, fragte Thomas verwirrt und befreite sich aus den Armen seiner Cousine. „Was ist hier los? Was ist das da draußen für ein Lärm und was suchen der Köter und dieser Blödmann hier?“, fragte Thomas verwirrt.

„Sag jetzt bloß, du weißt von nichts?!“, fragte Vanessa ihn ungläubig.

„Was? Wovon weiß ich nichts?“, fragte er weiter und blickte irritiert zu David und mir hinunter. In diesem Augenblick flog eine dieser verrückten Krähen durch das Wohnzimmerfenster. Sie war sofort tot, aber sie hatte einen Zugang für ihre Familie geschaffen, und die folgte ihr schnell. Weitere schwarze Teufel pressten sich durch die zerbrochene Scheibe. Einige ließen dabei ihr Leben, als sie sich an dem zerbrochenen Glas zerschnitten. Aber das Loch wurde größer und immer mehr zwängten sich hindurch.

„Ach du Scheiße! Wir müssen hier weg! Diese Viecher werden uns umbringen!“, schrie David.

„Kommt mit!“, schrie Vanessa, packte ihren Cousin bei der Hand und schleifte ihn die Treppe hinunter.

„Zur Garage! Hier entlang!“, schrie sie und das Wohnzimmer füllte sich mit schwarzen Federn und schwarzen Schnäbeln. Das Gekrächze war so laut, dass wir Vanessa kaum verstehen konnten. David griff nach einem Tennisschläger, der in der Ecke im Hausflur an der Wand lehnte und benutzte ihn, um die Vögel abzuwehren. Ich sprang und biss nach ihnen und zwei, drei konnte ich erwischen. David demonstrierte eine hervorragende Rückhand. Gleichzeitig liefen wir Vanessa und dem völlig verwirrten Thomas hinterher, den Flur entlang bis zum Ende, wo Vanessa eine Tür öffnete. Wir kämpften uns hindurch und es gelang uns sogar, die Tür hinter uns zu schließen, ohne dass einer dieser Mord lüsternen Vögel hindurch kam – oder ihrer Köpfe.

„Was ist hier los?!“, schrie Thomas und hielt sich seine blutende Wange.

Die Kinder sahen aus, als wären sie Kilometer weit durch Dornenbüsche gelaufen. Durch die Tür sind wir in die Garage gelangt und Vanessa lief zu einem kleinen Kasten, der an der Wand hing. Es war ein Erste Hilfe Kasten, aus dem sie Pflaster, Mullbinden und Desinfektionsspray herausnahm. Sie ging zu Thomas und untersuchte seine Wange, der es nur widerwillig zuließ.

„Hast du das Gewitter nicht mitbekommen? Diese ungewöhnliche laute und grelle Gewitter? Es blitzte ununterbrochen. Man konnte kaum die Augen offenhalten, so hell war es auf einmal. Es hat die ganze Elektrik lahmgelegt. Und es hat alle außer uns verschwinden lassen.“, sagte Vanessa und blickte Thomas tief und ernst an, und sie wusste, dass er ihr sowieso nichts von der ganzen Sache glauben wird.

„Was erzählt ihr denn da? Wollt ihr mich verarschen? Und was zum Geier war denn mit diesen bescheuerten Vögeln los? Und was will der Idiot uns sein dämlicher Köter hier?“, fauchte Thomas und fauchte, als Vanessa seine Wunde mit dem Desinfektionsmittel behandelte. David nahm sich dann den kleinen Hocker, der vor der Werkbank stand. Er setzte sich vor Vanessa und Thomas, der sich auf zwei übereinander gestapelte Autoreifen gesetzt hatte. Er erzählte ihm die ganze Geschichte von vorn.

***

„Das gibt es doch nicht. Das kann einfach nicht wahr sein. Verdammt, das kann nicht wahr sein.“, säuselte Thomas vor sich hin und war fassungslos.
Draußen flatterten und krächzten die Krähen.

„Wie sollen wir hier wegkommen?“, fragte David verzweifelt in die Runde, als er, auf den Reifen balancierend, durch die kleinen Fenster am Garagentor nach draußen linste. Die Vögel waren überall und entschlossen mit den letzten Menschen kurzen Prozess zu machen.

„Doc.“, hallte eine Stimme, wie hundert Stimmen in meinem inneren Ohr. Die Krähen wollten plaudern.

„Was wollt ihr? Seid ihr zufrieden? Kleinen Kindern Angst machen, die sowieso schon am Ende sind?! Sie gleich ermorden?! Was ist nur los mit euch?!“

„Das Unwetter. Sie haben es verursacht. Nicht weit von hier. Wir haben den Ursprung gesehen. Es kam aus einer Kuppel eines großen Gebäudes!“

„Was ist genau passiert?“
„Das wissen wir nicht. Wir sind froh, dass es vorbei ist… mit ihnen!“

Dann brachen sie das Gespräch ab. Blitze von einem großen Gebäude? Was meinten sie damit. Ehe ich sie weiter befragen konnte, unterbrach mich Thomas.

„Hey Leute, ich habe eine Idee!“, sagte er, stand auf, ging hinüber zu dem Ford Kombi, der in der Garage stand, ging runter auf die Knie und lugte unter den Wagen.

„Ja, genau! Hier unten ist ein Schacht unter dem Fallgitter. Man kann es anheben. Mein Vater wollte ihn eigentlich schon längst zugemauert haben, weil wir in letzter Zeit öfter Ratten in der Garage hatten. Der Schacht führt bis zu dem kleinen Spielplatz im Park gegenüber!“

„Ich erinnere mich.“, sagte David, „Den sind wir früher durchgegangen, aber wir konnten den Kanaldeckel auf der anderen Seite nicht anheben und kamen nicht raus.“

„Ich glaube wir waren einfach noch zu klein und zu schwach, um ihn anzuheben. Ich denke nicht, dass er verschlossen ist.“, sagte Thomas, „Das könnte unser Weg nach draußen sein, aber wie kommen wir unter den Wagen?“

„Wir müssen ihn zurückrollen. Haben wir denn den Autoschlüssel?“, fragte Vanessa.
Thomas stand wieder auf, ging zum Regal neben dem Garagentor und nahm einen Schlüssel aus einer kleinen Blechdose.

„In den Wagen hineinzukommen sollte kein Problem sein, hier ist der Schlüssel. Nur, wie setzen wir den Wagen zurück? Die Garage ist zu kurz. Das Garagentor ist im Weg.“, sagte Thomas.

„Das Garagentor lässt sich mit der Hand aufziehen. Wir dürfen auf keinen Fall die Aufmerksamkeit dieser Vögel auf uns lenken. Wenn die hier reinkommen, sind wir geliefert.“, sagte David. „Jemand müsste das Tor vorsichtig und so leise wie möglich aufziehen. Wir lösen die Handbremse vom Wagen und rollen ihn vom Gitter. Dann steigen wir hindurch und ziehen es schnell wieder hinter uns zu, denn die Vögel werden uns bis dahin bestimmt bemerkt haben und uns angreifen.“

„Ich bin wohl der kräftigste von uns, also schiebe ich den Wagen.“, schlug Thomas vor – was für ein Angeber, aber er hatte recht.

„Das bezweifle ich zwar, aber gut. Dann löse ich die Handbremse und helfe Dir dann beim Schieben. David, du kümmerst dich um das Tor?“, fragte Vanessa. David nickte.

„Dann los. Und vergiss nicht deinen Hund! Thomas nimmt ihn am besten unten entgegen.“, sagte Vanessa.

„Was? Die Töle wird mir den Hals durchbeißen!“
Ich freute mich nicht gerade darüber, dass ich den Kindern bei ihrer Flucht im Weg stand. Und Thomas hatte absolut recht. Am liebsten würde ich ihm immer noch ordentlich in den Hintern beißen für die Prügel die David von ihm und seinen kleinen Freunden einstecken musste. Aber ich trottete hinüber zu ihm und leckte ihm über die Hand, als Zeichen der Versöhnung.

„Als ob er das verstanden hat. Schon seltsam.“, sagte David, „Aber da hast du es! Er wird dir nicht weh tun. Ich denke, er weiß jetzt, dass du… zu uns gehörst.“

„Zu euch gehören, ha! Das ich nicht lache!“, höhnte Thomas.
„Thomas, jetzt halt deine Klappe und reiß dich zusammen. Du versaust sonst alles! Willst du, dass uns diese Viecher dort draußen die Augen aushacken?“, fauchte ihn seine Kusine an.

„Nein.“, sagte er verlegen, stellte sich vor das Auto und machte sich für seine Aufgabe bereit. Vanessa nickte David zu, der sich am Tor bereithielt. Sie stieg leise in den Wagen und löste die Handbremse. Sie stieg wieder aus und half Thomas, den Wagen zu schieben. David öffnet langsam und vorsichtig das Tor. Draußen war es still. Das Tor war jetzt fast ganz geöffnet und das Gitter zum Schacht lag frei.

Dann krächtsten sie los und der Schwarm setzte sich in Bewegung, direkt auf uns zu.

„Macht schon!“, schrie Vanessa. Thomas öffnete eilig das Gitter.

Vanessa schob den Wagen weiter durch das Tor, damit David es wieder schließen konnte. David half Vanessa, aber ehe der Wagen nach draußen auf die Einfahrt rollte, waren bereits, die ersten Vögel an der Garage. Ich kam mir so unglaublich nutzlos und unbeholfen vor. Das einzige was ich tun konnte, war nach diesen Biestern zu schnappen, aber das war vergebens. Sie waren einfach zu flink. Endlich war der Wagen draußen und David warf sich mit aller Kraft an das Tor und zog es rasch wieder zu. Gerade rechtzeitig, bevor eine große schwarze Wolke aus Federn die Garage erreichte. Trotzdem hatten es etwa zwanzig Krähen in die Garage geschafft und verursachten ein heilloses Durcheinander. In dem begrenzten Raum waren sie allerdings im Nachteil und ich konnte mir einige schnappen. David und Vanessa schnappten sich Golfschläger aus einem Caddy in der Ecke und schlugen damit auf die Krähen ein.

„Los kommt schon, lasst uns abhauen!“, schrie Thomas durch das laute Flattern hindurch.

„Diese Vögel lassen uns keine Wahl! Wir müssen Sie erst erledigen, sonst kommen wir hier nicht raus!“, schrie Vanessa und verpasste gleich drei weiteren von ihnen mit dem Golfschläger den Todesstoss. Alle weiteren erledigten wir in kurzer Zeit. David kam zu mir und hievte mich hoch.

„Du bist schwerer geworden!“, stöhnte er, während er mich umständlich zu Thomas hinabließ, der, wie ich zugeben musste, mich mit etwas mehr Leichtigkeit entgegennahm.
„Vanessa? Kommst du?“, fragte David ungeduldig.

„Einen Moment. Ich …“, sagte sie und ich konnte nur noch hören, wie sie sich übergeben musste. Das Massaker, das wir dort oben angerichtet hatten, ist nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. An keinem von uns, aber sie hatten uns keine Wahl gelassen. David stieg hinunter, Vanessa folgte ihm nach und wir vier standen jetzt in dem engen, dunklen Schacht, der uns hoffentlich in Sicherheit bringen konnte.

„Da hinten wird es ganz schön dunkel. Habt ihr vielleicht eine Taschenlampe in der Garage?“, fragte David.

Thomas stieg noch einmal nach oben und kam mit einer großen, schweren Mag-Lite zurück.
„Vielleicht können wir die hier noch für etwas Anderes gebrauchen.“, sagte Thomas, ging voran und leuchtete uns den Weg.

Der enge Schacht roch nach faulem Abwasser und den verwesten Mäusen, an denen wir uns vorbeischlichen. Spinnweben und deren pelzige, kleine, achtbeinige Bewohner wurden von David und Vanessa mit größtem Ekel beiseitegeschoben. Thomas hatte inzwischen die Lampe an David weitergereicht, denn er weigerte sich vehement weiter voran zu gehen, als eine dieser niedlichen Kameraden mitten in seinem Gesicht landete – (Spinnen und Insekten. Ihre Sprache spreche ich nicht. Ich frage mich oft, ob sie auch Bewusstsein haben, das sie wiederum vor uns anderen Tieren verstecken.)

Wir erreichten das Ende des Schachts. Über uns war ein Gitter angebracht, das Thomas ohne große Anstrengungen anheben konnte. Es war zum Glück nicht verschlossen. Wir kletterten hinaus – das heißt, die Kinder kletterten hinaus und ich musste mich wieder in einer demütigen Position hinaufreichen lassen.

Der Park lag weit genug entfernt und Sträucher tarnten uns vor den am Haus lauernden Vögeln. Wir konnten sie aus der Ferne beobachten, wie sie das Haus umflogen und auf der Veranda, auf dem Dach und dem Rasen hockten, darauf wartend, dass wir irgendwann herauskommen würden, um uns dann durch unsere Augenhöhlen das Gehirn herauspicken zu können. Kein schöner Gedanke, aber er brachte mich sofort dazu, meine Nase in alle Richtungen zu schwenken, auf dass uns nicht noch mehr mordlustige Artgenossen auflauerten. Eichhörnchen sehen zwar niedlich aus, können aber tödlich sein.

„Was jetzt?“, flüsterte Vanessa.

„Hört ihr das?“, fragte er. „Das ist doch ein Auto!“, sagte er und hielt sich im selben Moment die Hand vor den Mund, um seine Stimme zu dämpfen. Thomas hatte Recht. Es war ein Auto. Es musste gerade die Straße an der gegenüberliegenden Seite des Parks entlangfahren.

„Es darf nicht in die Nähe des Hauses und die Krähen auf sich lenken!“, sagte Vanessa leise aber bestimmt und schlich hastig los. Wir rannten hinter her und sprinteten querfeldein über die offene Rasenfläche des Parks. Vanessa sprang mit einem Satz über die kleine Hecke, die das Parkgelände umfasste, stellte sich breitbeinig vor den silbernen Ford – etwas übereifrig und lebensmüde, wenn ihr mich fragt. Der Wagen bremste scharf und Vanessa und der Fahrer sahen einander erschrocken an.

„Onkel Jake?!“, keuchte sie.

„Papa?!“, fragte Thomas und war genauso überrascht und fassungslos, wie seine Cousine und David.

Dann ein Krächzen aus der Ferne. Sie hatten uns gehört. Uns oder den Wagen – wir hatten keine Zeit zu verlieren. Sie würden in wenigen Sekunden dort gewesen sein.

„Schnell! In den Wagen!“, befahl David. „Leise die Türen schließen!“

Schnell stiegen wir ein und die Kinder zogen so leise wie möglich die Türen zu. Ehe Tomas Vater irgendetwas sagen oder tun konnte, hatte David zum Glück sofort reagiert und den Zündschlüssel umgedreht. Der Motor ging aus und David legte seinen Finger auf seine Lippen, als Zeichen für Thomas Vater still zu sein. Er war völlig perplex, doch verstand und gab keinen Ton von sich. Das Flattern legte sich über dem Wagen. Der Himmel hatte sich wieder in eine schwarze Wolke aus abertausenden Federn verwandelt. Die Vögel krächzen – es war kaum auszuhalten.

„Duckt euch und seid bloß still!“, flüsterte Vanessa.

Sie ließen sich, so gut sie irgend konnten, in den Fußraum hinab. Ich war bereits vorne mit David im Fußraum des Beifahrersitzes. Wir hörten das Getrippel von Krallen auf dem Autodach und der Motorhaube. Die Kinder schlossen ihre Augen und von Jake kam ein leises aber wehleidiges und ängstliches Wimmern. Das Krächzen wurde noch einmal lauter. Sie waren direkt über uns. Aber dann nahm es ab. Er wurde schwächer und dieser unausstehliche Lärm verschwand in der Ferne. Sie hatten uns nicht entdeckt. Wir waren in Sicherheit. Vorerst.

Für einen Moment blickten alle nur stumm einander an. Entweder wollten sie sichergehen, dass die Vögel auch wirklich außer Reichweite waren, oder niemand wollte als erster das Wort ergreifen. Ich leckte David durchs Gesicht. David nahm mich in den Arm und ich beäugte dabei unseren neuen Gefährten. Es war irgendwie seltsam, denn zwischen Thomas und Jake schien emotionale Funkstille zu herrschen. Dafür, dass sie sich gerade einander lebendig und wohl auf wiedersahen, hielt sich ihre Begeisterung in Grenzen.

„T-T-Thomas!“, stotterte sein Vater. „I-ich bin froh, dass es euch gut geht. Als ich merkte, was passiert war, bin ich sofort losgefahren.“

Er war sichtlich nervös, wie ein Junge, den man gerade beim Stehlen erwischt hatte. Die Kinder warteten ruhig und erwartungsvoll, aber auch vorsichtig ab, was dieser Mann zu sagen hatte. Er war ihnen nicht geheuer – und mir auch nicht.

Schweiß tropfte von seiner Glatze auf die Gläser seiner Brille. Sein Businesshemd war schmutzig und knittrig. Es war Schmiere und Maschinenöl, das konnte ich riechen.

„Es gibt andere?!“, fragte Vanessa.

„Ja. Wenige. Ich habe einzelne umherwandern sehen, aber ich habe nicht angehalten, denn ich wollte so schnell wie möglich hier hin.“, sagte Jake, nahm die Brille ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Draußen waren etwa 35 Grad und dort im Auto wurde es allmählich unerträglich – was nicht nur an der Hitze lag.

„Wo bist du gewesen? Du warst seit über einer Woche nicht zuhause. Du hast nicht einmal angerufen!“, schrie Thomas seinen Vater an.

Jake setzte seine Brille wieder auf und trocknete seine feuchten Hände an seinem verschmierten Hemd ab. Er fühlte sich ertappt und blickte unsicher von einem zum anderen. Es war unglaublich. Der Mann musste um die fünfzig sein, machte aber Anstalten wie ein Kleinkind. Außerdem war er mit seinen Gedanken irgendwo, nur nicht hier.

„Wir hatten sehr, sehr viel zu tun … auf der Arbeit … Hört mal.“, sagte Jake stockend und wich der Frage ungeschickt aus.

„Ich brauche dringend etwas aus meinem Büro zuhause. Wir fahren jetzt dorthin und dann wartet ihr dort, bis …“

„Zum Büro!?“, platze es aus Thomas heraus. Vanessa deutete ihm leiser zu sein, falls die Vögel noch irgendwo lauern sollten, aber Thomas kochte vor Wut.

„Zum Büro?!“, wiederholte er fassungslos. „Ist dir nicht aufgefallen, was hier gerade passiert ist?! Die Apokalypse ist da draußen hereingebrochen und du willst zur Arbeit?! Hast du sie noch alle?!“, preschte es aus ihm heraus.

Jake blickte verschämt auf seinen Schoß und hielt das Lenkrad fest umklammert. Mir ist aufgefallen, dass der Mann seit Tagen nicht geduscht hatte. Jake war unrasiert und hatte wahrscheinlich seit Tagen nicht geschlafen.

„Ich kann euch das jetzt nicht im Ganzen erklären, aber …“ Er nahm wieder die Brille ab und rieb sich seine müden Augen. „Meine Arbeit und das, was passiert ist, hängt wohl irgendwie zusammen.“

Jake sackte in sich zusammen, hielt die Hände vor sein Gesicht und winselte.

„Was hast du getan?!“, fauchte Thomas seinen Vater an.

„Es war ein Experiment… Wie soll ich es euch nur erklären?“, schluchzte Jake und suchte verzweifelt nach Worten, während er sich die Tränen aus dem Gesicht wischte.

„Wir… das heißt mein Team und ich arbeiten seit Jahren für die Regierung. Wir bekommen von ihr eine Menge Geld, dass wir an einer bestimmten Sache forschen.“

Wieder suchte er nach Worten. Er musste um jedes einzelne Wort kämpfen.

„Wir haben uns bestimmte geo- und elektrophysikalische Eigenschaften der Atmosphäre zunutze gemacht, um die individuellen Biosignaturen einzelner Menschen ausfindig zu machen.“

Wir blickten ihn nur fragend an.

„Wir haben die Erdatmosphäre und Troposphäre manipuliert, um mit Hilfe von kontrollierten meteorlogischen Eingriffen durch Nanotechnologie Menschen aufzuspüren und um sie gegebenenfalls sogar zu eliminieren. Militärische Forschung.“

„Ihr habt also mit dem Wetter experimentiert und daraufhin sind die Menschen verschwunden?“, hakte Vanessa nach, die sich interessiert nach vorn zu Jake gebeugt hatte und anscheinend mehr verstanden hatte als wir übrigen.

Jake atmete tief durch. Er wurde ruhiger. Über seine Arbeit zu reden schien ihm Sicherheit und Halt zu geben. Er kam mir nicht mehr so ganz wie ein Welpe vor, den man an einem Autobahnparkplatz angeleint zurückgelassen hatte.

„Die Regierung hat die DNA Sequenzen von ihren Bürgern gespeichert. Diese Sequenzen und Signaturen produzieren ein bestimmtes elektromagnetisches Feld um jedes Individuum herum, dass wiederum selbst einzigartig ist und das mithilfe von Quantencomputern und Nanotechnologie erfasst werden kann.“

„Das Experiment hatte einen unverhofften Nebeneffekt. Mit dieser Technologie können wir die Menschen nicht nur aufspüren, sondern auch in ihre Moleküle zerlegen und in unserer Rechnerbasis abspeichern.“

Jetzt schloss er die Augen, legte sein Gesicht wieder in die Hände und fing wieder an zu weinen.

„Es ist schiefgelaufen. Der Reaktor… Es gab eine Fehlfunktion… Alle… er hat alle aufgelöst und sie sind weg…“ Er versank in seinen Tränen.

„Wie macht man das wieder rückgängig?!“, fragte David.
„Du hast gesagt, dass die Menschen in eurem Rechner abgespeichert sind. Also sind sie noch da. Wie kriegt man sie wieder dort heraus?“

„Das Rechenzentrum ist abgestürzt. Es muss wieder hochgefahren werden. Deswegen bin hier. In meinem Büro sind die Codes für das Backup System. Mit ihnen habe ich eine Chance die Anlage wieder in Betrieb zu nehmen und alles wieder rückgängig zu machen. Wir müssen uns beeilen. Wenn die Reaktorzellen erst kalt gelaufen sind, wird sich der Speicher der Recheneinheiten entladen und alle Signaturen werden für immer gelöscht.“

„Du meinst, dass du dann alle Menschen endgültig getötet hast.“, korrigierte ihn sein Sohn.
„Worauf warten wir dann noch? Fahr los!“, drängte Vanessa.

„Wir müssen vorsichtig sein.“, warf David ein, als der Wagen sich in Bewegung setzte und Thomas und Jakes Haus ansteuerte. „Die Tiere, und vor allem die Vögel… Sie sind seltsam seit dem Gewitter. Sie sind aggressiv. Sehen Sie diese Kratzer?“, David zeigte auf seine Wunden im Gesicht und an den Armen, „Das waren Krähen, die uns in ihr Haus gefolgt sind. Sie wollten uns umbringen.“

„Das ist in der Tat seltsam.“, sagte Jake und sah mich in diesem Moment skeptisch und verunsichert an. Ich sah ihm wahrscheinlich zu interessiert an allem aus, also leckte ich mich zwischen den Beinen, um für ihn etwas hundetypischer zu erscheinen. Es funktionierte anscheinend und er wendete sich wieder von mir ab – ein wenig angewidert. Prüder Snob.

„Keine Angst. Unser Doc hier ist völlig in Ordnung geblieben.“, versicherte ihm David und tätschelte mich.

„Eigentlich sollte der Prozess keinen Einfluss auf andere Lebewesen haben. Das ist wirklich seltsam. Ich checke das, sobald wir in meinem Labor sind, okay?“

***

Jake parkte den Wagen vor dem Haus. Alle suchten den Himmel ab. Es war keine Krähe zu sehen.

„Hört zu, ich springe schnell hinein, hole die Daten aus meinem Büro und bin im Nullkommanichts wieder bei euch.“, sagte Jake.

Die Kinder nickten etwas unsicher und bevor er die Fahrertür wieder hinter sich schloss, drehte er sich noch einmal zu Thomas um.

„Es tut mir leid… Das alles… Das ich nicht für dich da war. Es war alles ein Fehler… Es tut mir leid.“, sagte er leise zu ihm.

Dann schloss er die Tür und lief ins Haus. David kraulte mich hinterm Ohr. Die Hitze hatte etwas nachgelassen. Tatsächlich hatte sich der Himmel etwas zugezogen. Die Kinder beunruhigte es. Nur verständlich, aber mein Instinkt sagte mir, dass es diesmal eine ganz normale Wettererscheinung war. Die Luft hatte sich bereits abgekühlt und einzelne, kleine Regentropfen prasselten auf den Wagen.

„Jake kommt wieder aus dem Haus raus.“, kommentierte David und wollte ihm gerade die Fahrertür öffnen, als ein dicker, weißer Flatschen auf der Windschutzscheibe landete. David drehte sich schnell in seinem Sitz herum und ließ die Fensterscheibe herunter.

„Jake! Beeil dich! Lauf!“, brüllte David.

Es waren nicht nur die Gewitterwolken, die den Himmel verdunkelt hatten – die Krähen waren zurück. Jake blieb angewurzelt auf dem Rasen stehen. Angst und Panik verwirrten seinen Überlebensinstinkt. Er sollte um sein Leben rennen, aber er konnte sich nicht rühren. Ihm blieben nur Sekunden, um den Sturm zu beobachten, der in Form schwarzer Federn auf ihn zu raste.

„Daaaaad!“, schrie Thomas, aber es war zu spät. Sein Vater verschwand in der schwarzen Wolke. Der Lärm der Krächzenden Vögel verschluckte Jakes Schmerzensschreie. Thomas wollte ihm helfen. Aber Vanessa packte ihn und hielt ihn mit aller Kraft zurück. Er hätte keine Chance gehabt. Wir konnten nichts tun.

Die Kinder weinten und ich flehte die Krähen an den Mann in Ruhe zu lassen, aber ohne Erfolg. In dem wirren Durcheinander konnten wir dann plötzlich ausmachen, wie Jake, wild um sich schlagend aufraffte und auf uns zuhielt.

„Mach die Tür auf!“, schrie Thomas, aber David zögerte.

„Noch nicht, sonst sind sie hier drin. Er muss erst am Wagen sein!“, antwortete David und Vanessa hielt Thomas mit aller Kraft zurück, damit er nicht die Tür aufstieß.

Jake kämpfte sich Schritt für Schritt voran. Seine Gestalt konnte man durch die zappelnde Masse nur erahnen. Doch dann stand er direkt vor der Beifahrertür. Er kämpfte um sein Leben. David machte sich bereit.

„Jetzt!“, schrie er und öffnete die Tür. Jake quetschte sich hindurch und David zog die Tür schnell wieder zu. Er brauchte drei Versuche. Immer wieder klemmten sich die Vögel dazwischen. Eine Krähe schaffte es hinein, aber ich schaffte es sie zu schnappen und ihr den Kopf abzubeißen. Jake fiel auf die Rückbank. Sein Gesicht war blutüberströmt.

„Thomas! Starte den Wagen und bring uns hier weg!“, schrie David.

„Aber ich kann doch gar nicht fahren!“, schrie Thomas, während er den Kopf seines Vaters auf seinen Schoß legte.

„Aber ich!“, sagte Vanessa, kletterte auf den Fahrersitz und startete den Wagen. Wir fuhren los.

„Wohin?“, fragte sie.

„Egal wohin! Nur weg hier und vor allem, weg von diesen Krähen!“, erwiderte David und Vanessa trat aufs Gas. Vanessa umsteuerte die stehengebliebenen Autos und fuhr Richtung Autobahn. Kluges Mädchen. Dort würde sie schneller fahren, als diese Mistviecher fliegen können.

„Dad, hörst du mich?“, fragte Thomas seinen Vater. Diesmal ganz sanft. Jake sah aus, als wäre er in einen Rasenmäher gefallen. Er war noch bei Bewusstsein und flüsterte: „Zur Universität… müssen zum Labor… die Daten aufspielen… müssen zum Labor.“ Dann fiel sein Kopf zur Seite und er verlor sein Bewusstsein. Thomas rief weinend nach seinem Vater. Aber er reagierte nicht.

Vanessa hatte die Autobahn erreicht. Sie fuhr auf dem Seitenstreifen und gab Vollgas. Wir waren erleichtert, als wir sahen, wie die Krähen immer weiter zurückfielen. Leider kannten diese kleinen Scheißer sicherlich unser Ziel. Ich musste die Kinder irgendwie warnen, aber wie? Außerdem merkte ich in diesem Augenblick, dass ich das Autofahren eigentlich gar nicht gut vertragen konnte.

***

„Verflucht, Dad! Was sollen wir nur tun? Wir müssen dich zu einem Arzt bringen, dich in ein Krankenhaus schaffen!“, murmelte Thomas verzweifelt, mehr zu sich selbst, als zu seinem Vater, der blutend auf dem Rücksitz lag, den Kopf in Thomas Schoß gebettet. Thomas versuchte die Blutungen in Jakes Gesicht zu stoppen. Er benutzte die Pflaster und Mullbinden, die er aus dem Erste Hilfe Koffer aus dem Kofferraum genommen hatte. David ist während der Fahrt nach hinten durch gekrabbelt und war zum Glück fündig geworden. Thomas gab sich zwar große Mühe, aber seine Fertigkeiten Verletzungen zu behandeln ließen zu wünschen übrig – Er war wohl eher besser darin, sie anderen zuzuführen. Thomas Vater sah alles andere als gut aus. Sein rechtes Auge wird er wohl nicht wieder benutzen können. Außerdem haben diese Teufel an seinen Ohren, seiner Nase und an seinen Lippen gezerrt und ihm ganze Stücke seines Gesichts herausgerissen. Es sah aus, wie ein Marmeladenbrot; Waldfrucht mit ganzen Stückchen. Das hatten die Vögel innerhalb weniger Sekunden erreicht. Hätten wir Tiere uns je gegen Menschen auf diese Weise füher koordiniert, dann hätten wir sie innerhalb weniger Stunden ausgelöscht. Doch das haben sie letztlich selbst getan. Und das wir es eben nicht getan haben, unterscheidet uns von ihnen.

Jake war bewusstlos. In dem Wagen war es stickig und sehr warm. Es roch nach Blut und Schweiß. Ich musste dort raus. Und zwar schnell. Ansonsten hätte ich leider in den Wagen gekotzt. Ich machte mich also bemerkbar. Mit einem unmissverständlichen Geheule, untermalt mit dem wehleidigsten Blick, den ich je aufgesetzt hatte.

„Wir müssen anhalten. Ich glaube Doc ist schlecht.“ David hatte mich auf Anhieb verstanden.

„Auf keinen Fall. Eher schmeißen wir deine bescheuerte Töle raus! Wir fahren in ein Krankenhaus!“, forderte Thomas vehement.

„Und was dann? Alle Menschen sind weg. Inklusive aller Ärzte. Sie sind alle abgespeichert in diesem beschissenen Computer, den dein Vater gebaut hat!“, gab David ihm zurück.

„Vanessa, fahr rechts ran, sonst wird dieser Wagen gleich nicht mehr zu gebrauchen sein!“

„Lass mich die nächste abfahren. Die Uni ist schon ausgeschildert. Ich war vor ein paar Monaten einmal mit Onkel Jake dort. Nach der Abfahrt müsste ein Tunnel kommen. Dort können wir raus. Ich habe immer noch Angst, dass uns die Krähen wieder einholen werden.“, schlug Vanessa vor und steuerte die Ausfahrt an, immer den Rückspiegel im Auge, den Himmel nach schwarzen Wolken absuchend.

Es wurde für mich langsam brenzlig. Mir wurde schwindlig und ich merkte, wie es mir hochkam. Lange konnte ich es nicht mehr unterdrücken. Ich schluckte bereits meine Galle.

Wir ließen die Dunkelheit des Tunnels hinter uns und nahmen die nächste Abfahrt, die uns zum Universitätsgelände bringen sollte. Vanessa fuhr langsamer und versuchte sich mühselig an den Schildern zu orientieren. David hielt auch die Augen auf – und ließ seinen Blick immer mal wieder Richtung Himmel wandern, um nach gefiederten Wolken Ausschau zu halten.

„Wo hast du eigentlich fahren gelernt. Du machst das ja echt wie ein Profi. Ich meine, wie alt bist du? Dreizehn, vierzehn?“, fragte David – ein holpriger Flirt. Ich hatte gleich bemerkt, dass David in ein wenig in sie verguckt hatte.

„Ich bin dreizehn und das Fahren hat mir mein Vater beigebracht. Wir sind am Wochenende oft raus aufs Land zu meinen Großeltern gefahren. Ich fand es ziemlich nervig, weil ich lieber bei meinen Freunden in der Stadt geblieben wäre. Also dachte sich mein Vater etwas für mich aus, dass es wieder gut machen könnte. Seitdem fahren wir die Straßen über die Felder und in dem kleinen Dorf ab. Da ist nichts los und niemanden interessiert es.“ Sie folgte einer weiteren Ausfahrt, die an einem kleinen, bewaldeten Weg entlangführte.

„Sind deine Eltern nicht hier? Ich meine…“, fragte David und merkte prompt, dass er in ein Fettnäpfchen getreten war. Die Miene des Jungen verriet es mir. Vanessa reagierte aber nicht darauf.

„Nein. Meine Eltern haben sich getrennt. Ist eigentlich noch nicht so lange her. Ich bin alleine hier, weil meine Mutter sich auch nicht mehr so gut mit Onkel Jake versteht, wie früher einmal. Sie meinte er arbeitet zu viel und lässt Thomas zu oft alleine.“

„Hey, halt deine Klappe! Was habt ihr denn schon für eine Ahnung!“, fuhr Thomas sie vom Rücksitz aus an.

„Schon gut.“, stöhnte Jake. „Sie hat recht. Ich hätte öfter zu Hause sein sollen. Ich hätte so wie so mehr Arbeit abgeben müssen. Vielleicht wäre dann dieser ganze Schlamassel nicht passiert.“

„Schlamassel ist ja wohl echt untertrieben!“, sagte David und warf Jake einen vernichtenden Blick zu.

„Richtig.“, gestand Jake benommen. „Fahr da drüben auf den Parkplatz, von dort kommen wir am besten ins Labor. Wir müssen…“ Aber Jake konnte seinen Satz nicht beenden. Es war so weit. Es kam mir hoch und ich musste in den Fußraum kotzen. Aber ehe sich jemand beschweren konnte…

Ich erinnerte mich selbst nur an einen lauten Knall, ein tosendes Gewitter aus Metall und Glas. Alles drehte sich. Fensterscheiben barsten. Und der Wagen lag auf einmal auf dem Dach. Die Welt hatte sich gedreht. Die Kinder schrien. Und auch ich hatte mir ganz schön die Birne gestoßen.

„Was ist das?!“, schrie Thomas. 
„Ein Nashorn! Ein ausgeflipptes, wildes Nashorn!“, schrie Vanessa.

Ich versuchte einen Blick durch das zerstörte Fenster an der Beifahrerseite zu erhaschen. Ich sah dieses gewaltige Tier, wie es sich von unserem Auto entfernte. Nur, um noch einmal ordentlich Anlauf zu nehmen, befürchtete ich.

„Raus hier! Die Tür ist offen!“, keuchte Thomas, kletterte bereits durch die hintere Tür, auf der dem Nashorn abgewandten Seite. Dann zerrte er seinen Vater nach draußen, der sich seine blutende Stirn hielt und leise stöhnte. Auch er hatte die Attacke erst einmal überlebt. David und Vanessa kletterten durch die Sitze nach hinten, aber ich hörte bereits das bebende Stampfen einer weiteren Attacke der riesigen grauen Bestie. Doch bevor es ein weiteres Mal sein Horn in die bereits lädierte Karosserie des Autos bohren konnte, hatten wir drei es rechtzeitig nach draußen geschafft. Wir rannten Thomas und Jake hinterher zum Gebäude.  Thomas stützte seinen Vater und sie waren nicht sehr schnell vorangekommen. Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, wie das Auto sich ein weiteres Mal drehte. Ich wandte meinen Kopf und sah das tobende Monstrum, wie es mit seinen Vorderhufen immer wieder auf den Wagen eintrat und er unter der Belastung dieser tonnenschweren Gewalt wie eine Konservendose zusammengedrückt wurde.

„Wo ist das denn auf einmal hergekommen?“, fragte Thomas atemlos.

„Wahrscheinlich aus dem Zoo ausgebrochen. Direkt neben der Uni ist nämlich einer.“, keuchte Vanessa. Wir hatten die beiden inzwischen eingeholt und waren jetzt vor dem Gebäude, wo wir schnell in eine Unterführung hineinliefen, von der aus mehrere Türen ins Gebäude führten.

„Ja, wahrscheinlich ist es zusammen mit denen dort aus ausgebrochen.“, sagte David und zeigt auf den dunklen, sich bewegenden Schatten vor den Eingängen. Unter dem Pavillon kamen sie dann hervor. Löwen, Affen, Leoparden, Tiger, Wölfe; alles, was der Zoo an zähnefletschenden Schwergewichten zu bieten hatte. Wir waren vor Angst wie gelähmt.

„Hi Leute, wie geht’s? Ganz schön heiß heute, findet ihr nicht?“ Mir war absolut nichts Besseres eingefallen und ich kam mir total belämmert vor. Dort standen sie. Jahre hinter Gittern. Eingesperrt für ein Verbrechen, das sie nicht begangen haben. Die Krähen konnte ich schon nicht besänftigen. Mir fiel absolut nichts ein, was ich meinen Kollegen dort aus dem Knast hätte sagen können, den die Menschen liebevoll „Zoo“ nennen.

„LAUFT!“, schrie Jake und spurtete plötzlich in Richtung des angrenzenden Gebäudes. Die Kinder reagierten sofort und rannten ihm nach. Ich meinerseits, muss gestehen, dass ich von der unvorhergesehenen Aktion ein wenig überrascht wurde. Meine tierischen Kollegen konnten vor lauter Staunen auch erst einmal nur zusehen, wie sich ihr Mittagessen entfernte. Dann wurden sie alle wach und auch ich rannte dann endlich hinter ihnen her, gefolgt von Wölfen, Löwen, Hyänen und anderen zähnefletschenden Vier- und Zweibeinern. Manchmal sind die einfachsten Ideen die Besten – einfach wegzulaufen. Oder es zumindest versuchen. Sie hatten sonst keine andere Wahl und auch bald keine Zeit mehr für andere Aktionen. Rennen oder gefressen werden.

Jake und die Kinder hatten den Eingang des Gebäudes erreicht und Jake suchte verzweifelt nach einem Schlüssel, um die Tür zu öffnen.

Als ich sie an der Tür eingeholt hatte, zog Jake die Tür auf und wir konnten allesamt schnell hineinspringen, bevor die Tiere uns erreichen würden. Wir waren im Gebäude, Jake stieß die Tür hinter sich zu und wir hörten es laut krachen. Es war zwar eine solide Metalltür mit nur einer kleinen Sicherheitsscheibe in der Mitte, aber ich zweifelte an ihrer Standhaftigkeit, wenn sich draußen erst einmal das Nashorn gegen sie werfen würde.

„Verdammt! Was ist denn mit denen los?!“, keuchte Jake.

„Dasselbe wie mit den Krähen. Dein Experiment muss sie alle verrückt gemacht haben!“, sagte David.

„Das kann nicht sein. Das ist völlig unmöglich. Es war schwierig genug die menschliche DNA herauszufiltern. Die Chance auch noch unterschiedliche Signaturen nur minimal beeinflusst zu haben geht gegen Null. Das ist völlig unmöglich!“, haspelte Jake.

„Können wir das Rätsel vielleicht ein anderes Mal lösen?“, fragte Vanessa und schaute besorgt zur Tür.

„Ich glaube nämlich nicht, dass diese dünne Tür den Zoo auf ewig von uns fernhalten wird. Vielleicht regen sich die Tiere ja wieder ab, wenn wir die Verwandlung erst einmal wieder rückgängig gemacht haben. Wo müssen wir denn hin? Wo ist diese Maschine?“

„Wir sind zwar im falschen Gebäude“, sagte Jake, „, aber von diesem Gebäude führt ein Weg durch die Tiefgarage ins nächste Gebäude. Kommt, wir müssen die Treppen nehmen. Der Strom ist hier immer noch lahmgelegt. Thomas, komm her und leuchte den Weg.“

Jake lief voran und öffnete die Tür zum Treppenhaus. Dort war es stockdunkel. Es roch nach Öl und Benzin. Die Tiefgarage konnte höchstens zwei Stockwerke unter uns liegen. Wir kamen im Kellergeschoss an und Jake öffnete vorsichtig die Tür. Er linste durch den Türspalt.

Wir schlichen uns durch die Tiefgarage, bis wir am anderen Ende wieder vor einer Tür standen, die Jake diesmal allerdings nicht aufbekam.

„So ein Mist. Das Sicherheitssystem muss sie nach dem Stromausfall verriegelt haben.“

„Und jetzt?“, fragte Thomas.

„Ich überlege. Gebt mir einen Moment.“

Dann trat David vor und inspizierte die große, Doppeltür aus Metall.

„Kannst du eigentlich Autos knacken, wenn du wolltest?“, fragte David Jake. Er blickte David fragend an. Dann ging ihm ein Licht auf.

„Ja, das könnte klappen. Natürlich habe ich noch nie ein Auto „geknackt“, aber ich sollte es hinkriegen.“

Jake nahm Thomas die Taschenlampe aus der Hand, der sie nur widerwillig losließ. Wir verließen die Tür und Jake und David suchten die Tiefgarage ab. Sie sahen sich verschiedene Autos an.

„Leute, wenn ihr uns sagen würdet, was genau ihr sucht, könnten wir euch vielleicht helfen.“, sagte Vanessa.

„Wir suchen einen Wagen. Einen relativ großen und stabilen, denn wir wollen ihn gegen diese Tür rammen.“, sagte David.

„Was?!“

„Hier ist der richtige Wagen! Wir nehmen diesen hier.“, sagte David euphorisch. Doch dann schrie er plötzlich auf und stolperte rücklings zu Boden. Wir rannten zu ihm. Und da sahen wir den Grund seines Schreckens. Ein Mann. Mitte fünfzig, in einem grauen Anzug. Er lehnte mit dem Rücken an der Fahrertür und war schwer verletzt. Er blutete. Sein Jackett und sein Hemd waren von Blut durchtränkt und sein Gesicht war übel zugerichtet. Er hatte Prellungen und Platzwunden an der Stirn, seine Nase war anscheinend gebrochen und seine Lippe war mit einer rotbraunen Kruste überzogen. Er nahm uns kaum noch war.

„Oh mein Gott. Wir müssen ihm helfen!“ Vanessa beugte sich zu ihm hinunter und begutachtete die Wunden. Sie senkte Jakes Arm, der dem Mann direkt ins Gesicht leuchtete. Jake sah den Mann an, als hätte er einen Geist gesehen.

„H-helft m-mir.“, stöhnte der Mann.

„Schnell, dort hinten an der Wand ist ein Erste-Hilfe-Kasten. Schau nach, ob Verbandszeug drin ist!“, sagte Vanessa und Thomas rannte los. Sie versuchte behutsam die Verletzungen des Mannes zu begutachten, bis sie auf etwas neben seiner rechten Hand blickte und sich dann wieder langsam von ihm entfernte.

„Ich muss die Scheibe einschlagen. Da vorne hängt ein Feuerlöscher. Ich hole ihn. Und seid leise. Wir müssen uns beeilen.“, flüsterte Thomas.

David und mir war inzwischen auch aufgefallen, was Vanessa auf einmal hatte. Neben dem Mann lag eine Waffe. Und es war ein großes Kaliber – ich kannte sie aus einem der vielen Filme, die sich David so gerne angesehen hatte. Thomas kam mit dem Verbandzeug zurück. 

Auf einmal preschte Jake hervor, nahm die Pistole an sich und richtete sie auf den Mann.

„S-Sie!“, stöhnte der Verletzte und sein eisiger Blick durchbohrte Jake.

„Jake, w-was ist hier los? Was tust du da?“, fragte Vanessa ihren Onkel mit zitternder und leiser Stimme. Jake reagierte nicht. Beinahe angewidert blickte er auf den Mann, der blutend vor ihm lag. Dann ein entsetzlich lauter Knall. Rauch entstieg dem Schaft der Pistole, die Jake immer noch am ausgestreckten Arm vor sich hielt; sein Blick leer und eisig. Niemand bewegte sich.

Nach einem Moment des Schocks und der Fassungslosigkeit sprang ich Jake an und biss mich in seinem rechten Unterarm fest. Verzweifelt und vergeblich versuchte er mich abzuwehren. Er ließ die Pistole fallen, stürzte auf den Boden und schrie. Ich biss noch fester zu. Er schrie, zappelte hilflos, schlug mit seiner anderen Hand auf mich ein. Ich riss meinen Kopf hin und her, ohne meinen Kiefer auch nur im Geringsten zu lockern. Ich konnte sein Blut schmecken und seinen weichen Unterarmknochen spüren. Ich war fest entschlossen mich bis auf sein Mark hin durchzubeißen. Jake schrie.

„Nehmt ihn weg! Nehmt ihn weg! Er bringt mich um!“, flehte er.

In meiner Rage verschwamm die Welt um mich herum. Meine Gedanken lösten sich auf und machten Platz für einen wilden, ungebändigten, animalischen Instinkt.

„Doc. Lass ihn. Lass los!“ Es war David und dann merkte ich auch schon seine Hand, wie sie vergeblich versuchte, mich von Jake wegzuziehen. Davids Stimme brachte mich wieder zurück und das verschwommene Bild der Raserei klarte sich wieder auf. Ich trat zusammen mit David ein paar Schritte von Jake zurück. David hatte sich die Pistole genommen und sie auf Jake richtete.

„Was hast du da getan?!“, schrie Vanessa ihren Onkel an, der wimmernd auf dem Boden kauerte und sich seinen blutenden Unterarm hielt.

„I-Ich konnte nicht anders. Er war einer von den bösen, glaubt mir!“, wimmerte Jake.
„Wir glauben dir kein Wort! Der Mann war verwundet; wehrlos und du hast ihm in den Kopf geschossen.“, stellte David entschlossen klar.

Aus den Korridoren schallte das Gebrüll der Tiere.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Vanessa David. Ihre Stimme zitterte und auch Davids Hand wollte nicht so richtig stillhalten und ich fürchtete Schlimmes.

„Thomas.“, sagte David nach kurzem Überlegen. „Thomas!“, wiederholte er streng , den Thomas stand noch sichtlich unter Schock.

„Verbinde die Wunde von deinem Vater. Sie zu, dass er nicht verblutet. Wir brauchen ihn. Er muss das wieder gutmachen, was er  angerichtet hat. Und dann rufen wir die Polizei.“

Thomas reagierte immer noch nicht. Vanessa ging zu ihm: „Thomas!“, sagte sie und streichelte seine Wangen.

„Thomas! Lass du uns jetzt nicht im Stich!“, sagte sie. Er blinzelte und kam wieder zu sich. Vanessa nahm den Verbandskasten vom Boden und machte sich daran, Jake zu verarzten. Ich ging dicht an ihn heran und behielt ihn im Auge.

„Ich werde ihn nicht noch mal zurückhalten.“, sagte David und tätschelte meine Seite.

Er hielt die Pistole weiter auf Jake gerichtet. Thomas sagte immer noch nichts. Hinter seiner Stirn ratterte es und ich sah deutlich, wie er sich Tränen verkniff und dabei auf seiner Unterlippe herumkaute. David ging an dem Toten vorbei und versuchte nicht in sein Gesicht zu blicken.

„Also, was sollte das?!“, fragte er und seine Stimme zitterte.

„Dieser Mann war von der Regierung. Er wollte das Experiment manipulieren.“, sagte Jake. Vanessa hatte ihm sein Hemdärmel aufgerissen, reinigte und desinfizierte die Wunde. Wo sie das wohl gelernt hatte?

„Er war angeschossen. Sie doch nur, sein ganzer Anzug war bereits mit Blut durchtränkt. Er hätte uns nicht im Geringsten gefährlich werden können. Was war hier los?“, fragte David. Jakes Blick wanderte nervös von einem zum anderen.

„Ich hatte ihn angeschossen. Er wollte mich aufhalten, als ich versucht hatte das Experiment aufzuhalten und da ist es passiert. Es war Notwehr. Ich war mir sicher, dass er uns umbringen würde.“, sagte er und stöhnte, als Vanessa ihm den Verband umlegte. Ich glaubte ihm kein Wort mehr. Ich war mir sicher, David und Vanessa ebenso wenig.

„Wir können dir nicht mehr glauben! Du tust ab jetzt genau das, was wir dir sagen und du wirst uns in das Labor bringen. Du wirst das alles wieder Rückgängig machen und dann gehst du in den Knast, du durchgeknallter Spinner!“, schrie David und in diesem Moment donnerte wieder lautes Gebrüll durch die Garage.

Mit der Mag-Lite schlug Thomas die Scheibe eines SUV ein. Das Auto sah robust genug aus, um die verriegelte Doppeltür damit aufzubrechen – Keine Alarmanlage. Seltsam, aber man muss ja mal Glück haben.

„Los, dann zeig mal, was du kannst.“, sagte Thomas und deutete mit seiner Mag-Lite auf die Armatur.

Jake sagte nichts. Er blickte nur finster und machte sich schleppend an seine Arbeit. Nach einigen Minuten hatte der Mann es tatsächlich geschafft, den Wagen zu starten.

„Na gut.“, sagte Thomas. „Raus da.“ Er zerrte seinen Vater aus dem Wagen und setzte sich hinter das Steuer.

„Sei vorsichtig!“, rief Vanessa ihm zu. „Vergiss nicht, dich anzuschnallen!“, rief David. Thomas legte den Sicherheitsgurt um und schloss die Tür. Ein lauter Schlag aus dem Treppenhaus verriet uns, dass die Tiere es geschaffte hatten, die Tür aufzubrechen. Wir hatten nicht mehr viel Zeit.

David dirigierte Jake mit der Pistole vor sich her und wir machten Thomas Platz, der inzwischen den Wagen erstaunlich gekonnt zurückgesetzt hatte. Wir gingen zur Seite, Thomas presste die Lippen zusammen, fixierte die Tür und strat das Pedal voll durch. Der SUV durchbrach die Tür. Glas splitterte, der Air Bag hatte sich entsichert. Vanessa rannte zum Wagen hinüber und öffnete die Fahrertür. Thomas lag mit dem Gesicht noch im Airbag, stöhnte und hielt entwarnend seinen Daumen hoch. Dann stieg er aus und die Kinder lachten erleichtert kurz auf. Aber dann setzten wir uns alle rasant in Bewegung, um der sich schnell nähernden Meute zu entkommen. Wieder ein dunkles Treppenhaus.

„Welche Etage?“, schrie David.
„Nach ganz oben!“, schrie Jake.

Wir rannten bis hinauf in die achte Etage. Die Tiere hatten sich bereits unter uns durch den schmalen Spalt der aufgebrochenen Tür zum Treppenhaus gezwängt und fauchten und brüllten, als sie hinauf zu uns rannten. Die Tür war nicht verschlossen. Für Menschen kein Problem, sie zu öffnen. Die spitzzähnigen Vierbeiner hinter uns müssten auf die Affen warten, um die Klinke runter zu drücken.

„Das Labor ist gleich den Korridor hinunter. Wir sind fast da.“, sagte Jake. In seinen Augen glitzerte ein seltsames Funkeln.

Große Fenster und gläserne Türen waren an beiden Enden des langen Flurs angebracht. Weiße Fliesen und weiße Wände, dazu der Geruch verschiedener Chemikalien. Außerdem witterte ich den Geruch von anderen Tieren. Mir streubten sich die Haare, als ich mir vorstellte, was hinter diesen Türen passieren würde.

Ein lauter Schlag riss mich aus den Gedanken. Die Tür zum Treppenhaus wurde aufgeschlagen und Affen und Hyänen pirschten sich hindurch. Jake und die Kinder rannten los, aber das Ende des Korridors war zu weit entfernt. Ich musste ihnen Zeit verschaffen, also warf ich mich ihnen entgegen. Eine wirkliche Chance hätte ich nie gehabt, aber ich würde sich vielleicht lange genug aufhalten. Der Kampf dauerte nicht lange. Aus der Ferne hörte ich David meinen Namen rufen und dann fiel ich in die Dunkelheit.

***

Da war er wieder! Ein unglaublicher, wahnsinnig stechender Schmerz! Meine Brust brannte wie Feuer. Als ich versuchte aufzustehen, fühlte es sich an, als hätte mir jemand ein glühendes Eisen in die Seite gerammt. Beinahe wäre ich wieder ohnmächtig geworden, aber ich kämpfte und hielt mich bei Bewusstsein. Ich war nicht tot. Da war ich mir ziemlich sicher. Der Tod konnte unmöglich so sehr schmerzen. Ich lag auf einem kalten Metalltisch und roch verschiedene chemische Substanzen um mich herum. Und ich witterte auch etwas Tierisches in meiner Nähe.

„Wo bin ich?“, fragte ich in die Dunkelheit. Ich blinzelte durch meine müden Augen und sah eine Gestalt aus der Ecke des Raumes auf mich zukommen. Nur wenig Licht drang durch die Jalousie am Fenster. Die Gestalt humpelte auf mich zu.

„Wo bin ich? Wer bist du? Was mache ich hier?“

Ich wollte aufspringen und weg von dort, aber der Kampf mit dem Löwen hatte seinen Tribut gefordert. Ich war zu schwach. Die hinkende, kleine Gestalt kam näher an den Metalltisch heran, auf dem ich lag. Es war kein Mensch war, sondern ein Verwandter seiner Spezies. Es war ein Schimpanse.

„Doc, du bist wach. Es freut mich. Deine Schürfwunden konnte ich behandeln. Aber du solltest vorsichtig sein, denn dein Rippen sind angebrochen. Was mir Sorgen bereitet, ist deine Schädelverletzung. Du hast durch den Prankenhieb unseres Freundes ganz schön einen auf den Deckel bekommen. Du wurdest gegen die Wand geschleudert. Erinnerst du dich noch daran?“

„Nein.“

„Aber du bist wieder bei Bewusstsein, die Prellung ist zurückgegangen, das ist gut. Du wirst Kopfschmerzen haben. Deine Rippen werden sicherlich sehr schmerzen. Soll ich dir etwas gegen die Schmerzen geben? Keine Angst, es ist lediglich ein leichtes Schmerzmittel.“, sagte der Affe.

„Bist du Arzt? Woher weißt du das alles?“
„Nein, nein. Aber ich habe hier in diesen Laboratorien sehr, sehr viel Zeit verbracht und mir vieles angeeignet, mir einige Sachen beigebracht und mir die Zeit mit ihren Computern vertrieben, wenn ich nachts ausbreche. Sie merken es gar nicht. Übrigens, nenn mich ruhig Abe.“

Seine ruhige, freundliche, geradezu herzliche Art strahlte auf mich ein Gefühl von Ruhe und Behaglichkeit aus und ich fühlte mich in seiner Gegenwart auf anhieb sehr wohl. In diesem ganzen Chaos von verrückten Menschen und Tieren gab mir dieser Affe seltsamerweise endlich wieder etwas Vertrautheit. Da fielen mir aber auch schon wieder die letzten eher unheiligen Stunden ein. Ich richtete mich unter Schmerzen auf, nur um dann wieder zusammenzusacken.

„Ich danke dir, Abe. Auf das Schmerzmittel komme ich gerne zurück. Kannst du mich vielleicht auf den neuesten Stand bringen? Wo sind meine Freunde, die Menschen, mit denen ich hergekommen bin? Geht es Ihnen gut?“

Der Affe ging zum Eingang des Raums und sah nachdenklich aus dem Fenster.

„Die Löwen und Wölfe konnten deine Freunde auf dem Korridor nicht fassen. Die Affen, die bei der Jagd auf deine Freunde halfen, kamen wenig später das Treppenhaus hinaufgerannt. Vergeblich versuchten sie die Tür zu den hinteren Laboratorien zu öffnen. Als sie einen anderen Zugang suchten, kamen sie hierher und legten dich ab. Sie flohen aus dem Fenster, über den schmalen Sims hinauf auf das Dach. Ein Junge weigerte sich, dich hier zurückzulassen, aber die anderen zwangen ihn mit sich.

Ich hielt mich die Zeit über in meinem Käfig versteckt, bis meine Brüder die Tür aufbrachen und ihnen folgten. An dich waren sie nicht mehr interessiert.“

„Wie lange ist das her?“

„Etwa eine halbe Stunde.“

„Wie komme ich in die oberen Etagen? Kannst Du mir helfen?“

„Ich weiß, wo sie die Chipkartenschlüssel haben. Ich werde mit dir kommen.“

Ich bedankte mich für seine Hilfe und er half mir vom Tisch. Dann nahmen wir gemeinsam die Verfolgung auf.

***

„Hier lang kommen wir nicht weit. Die Löwen bewachen den Korridor und ich sehe, dass zwei meiner Affenbrüder versuchen die Tür zu den oberen Labors zu öffnen.“, sagte Abe, als er einen vorsichtigen Blick durch den Türspalt riskierte.

„Na toll. Und was machen wir jetzt? Gibt es keinen Hintereingang?“

Die Schmerzmittel und die Aufputschmittel, die er mir vor einigen Minuten verabreicht hatte, zeigten allmählich Wirkung und ich fühlte mich nicht nur schmerzfrei, sondern auch voller Adrenalin und Tatendrang. Ich war mir sicher, dass ich mir den Weg durch die Löwen notfalls freikämpfen könnte.

„Bleib ruhig. Anscheinend habe ich es mit den Drogen wohl etwas zu gut gemeint.“, raunte Abe mich an und schloss leise die Tür.

„Wir haben noch eine Möglichkeit, aber sie wird dir nicht wirklich gefallen.“

***

Einige Minuten später kletterte Abe die Fassade des Gebäudes hinauf. Ich war auf seinen Rücken geschnallt. Er hatte ein Geschirr aus dem Labor umfunktioniert und mich hineingesetzt. Ich fühlte mich, wie diese Frau in dem Schwarz-Weiß-Affenfilm – hilflos den akrobatischen Fähigkeiten eines Primaten ausgeliefert.

„Gleich sind wir auf dem Dach mit der großen Kuppel. Darunter befindet sich das Labor mit den Maschinen, die für dieses ganze Desaster verantwortlich sind.“, sagte Abe und war für einen alten Laboraffen immerhin doch ein recht eleganter Kletterer.

Wir erreichten das Dach und Abe befreite mich aus diesem schrecklichen Geschirr. Jetzt sah ich zum ersten Mal die riesige Kuppel auf dem Gebäude. Sie war wesentlich größer, als ich vermutet hatte. Das ganze Gebäude war größer, als ich es vermutet hatte. Es lag wohl daran, dass die oberen Etagen sich mit den Etagen der angrenzenden Gebäude verbanden und sich somit ein in seiner Größe nicht zu erahnender Gebäudekomplex entfaltet hatte.

„Die Kuppel lässt sich öffnen und schließen. Die eigentliche Apparatur, eine Art Satellitenschüssel, die gebündelte Strahlen absondert. So hat es mir auf jeden Fall der Orang-Utan aus dem Nachbarlabor vorhin erzählt.“, erklärte mir Abe.

„Na wenn der Orang-Utan das sagt, muss es ja wohl stimmen.“, sagte ich und Abe blickte mich mahnend an.

Wir stiegen in einen Lüftungsschacht, nachdem Abe die vergitterte Öffnung herausgerissen hatte und krochen bis zum Labor, das sich nach einigen Abzweigungen direkt unter uns befand. Ich konnte David hören. Sie lebten!

„Wie kommen wir da runter?“, fragte ich.

Abe krachte durch das Gitter der Lüftung und landet mitten auf einem der vielen Arbeitstische. Für einen kurzen Moment herrschte Stille. Dann hörte ich, wie etwas schweres, metallenes über den Boden gezogen wurde.

„Spring runter Doc, ich fange dich auf!“, rief mein Primatenfeund und ich überwand meine Angst und sprang.

„Doc! Du lebst!“, schrie David euphorisch und rannte zu mir. Abe ging zur Seite und machte dem Jungen Platz. Er umarmte mich, aber bevor er noch kräftiger zudrücken konnte, winselte ich, um ihn dezent auf meine Verletzung aufmerksam zu machen. David bemerkte meinen Verband und löste seinen Griff vorsichtig.

„Ich weiß nicht, was um alles in der Welt hier los ist und wo auf einmal dieser Affe herkommt, aber wir müssen weitermachen und den Computer resetten, bevor die Affen auf der anderen Seite der Tür einen Weg hier hineinfinden!“, rief Vanessa und eilte zu Jake, der immer noch lebte und hinter einem meterlangen Kontrollpult neugierig und misstrauisch hervorlugte. Die ganze Gruppe war beschäftigt und sie hatten offenbar einen Plan das ganze Desaster rückgängig zu machen.

„Verdammt, Jake! Mach schon! Die Affen kommen durch!“, schrie Thomas.

Der Junge hatte den Eingang mit sämtlichen Mobiliar verbarrikadiert, was das Labor aufzubieten hatte. Aber die Tür war aufgebrochen und die Tiere außerhalb des Labors stießen sie Millimeter für Millimeter weiter auf. Die Zeit wurde knapp. Und selbst wenn Jake es schaffen würde den Prozess umzukehren… Die Tiere auf dieser Erde waren wiedererwacht und würden sich nicht wieder so schnell wieder schlafen legen. Ich fürchtete, selbst wenn sie die anderen Menschen wieder zurückholen, eine neue Katastrophe auf uns warten würde. Ein Konflikt, der Jahrtausende geschlafen hatte.

Vanessa, David und Thomas stemmten sich mit aller Kraft gegen die Schränke, Regale und Tische, mit denen sie die Tür verbarrikadiert hatten. Aber ihnen würde die Kraft bald ausgehen und der Türspalt öffnete sich mehr und mehr. Jake war emsig mit den Rechnern beschäftigt und tippte allerhand Daten ein. Er beachtete mich und Abe gar nicht.
„Doc.“, sagte Abe, „mit eurem Freund dort hinter den Computern stimmt irgendetwas nicht.“
„Ich weiß, er ist ein Freak. Das ist der schräge Vogel, dem wir den ganzen Schlamassel hier zu verdanken haben. Aber ich denke, er gibt gerade sein Bestens, alles wieder ins Reine zu bringen.“
„Nein, das glaube ich nicht.“, sagte Abe verschwörerisch, verließ mich und ging langsam und vorsichtig auf Jake zu, der voll und ganz von seiner Aufgabe eingenommen war.
„Hey!“, rief ich Abe hinterher, „Was machst du da?!“
„Das ist nicht euer Freund!“, schrie er und machte einen riesigen Satz auf Jake zu. Abe stieß Jake mit einem kräftigen Stoß seiner Beine vom Kontrollpult weg. Der Stoß schmetterte Jake gegen einen Aktenschrank hinter ihm, dessen Inhalt nun auf ihn niederprasselte. Ich rannte zu Abe hinüber, fletschte meine Zähne und baute mich vor ihm auf.
„Hör auf damit! Was ist los mit dir?!“

Die Kinder waren mit der Tür am anderen Ende des Labors beschäftigt und bekamen von dieser Sache nichts mit.

„Doc, ich sehe, dass du diesen Mann anscheinend vorher nie begegnet bist, denn sonst wäre dir aufgefallen, dass nicht der Geist deines Freundes in diesem Körper dort steckt.“
„Was?“ Ich war verwirrt. Wovon sprach der Affe?
„Khan, warum erzählst du es ihm nicht? Ich kann dich auch in deinem schwachen Körper, in dem du dort steckst, auch ganz schnell, ganz leicht dazu zwingen!“, sagte er und blickte Jake mit tiefem Ernst an.
„Ich musste zugeben, dass Jake gar nicht überrascht wirkte. Der Tritt musste ihm unheimlich schmerzen, aber aus seinen Augen blitzte der Zorn. Was war dort los?

„Abe, Verräter! Lass mich wieder an die Maschine. Nur einen Knopfdruck und auch die letzten Menschen dort drüben sind verschwunden. Ein weiterer Knopfdruck und alle anderen, die sich im Speicher dieser Maschine befinden, werden gelöscht und diese verkommene Spezies wird nie wieder zurückkehren!“
Ich bewegte mich langsam und vorsichtig von Jake weg und trat an Abes Seite. Ich wusste jetzt, wo die eigentliche Gefahr lauerte. Nur konnte ich es mir nicht ganz erklären.

„Wie bist du aus deinem Käfig in diesen Körper reingekommen? Es waren die Experimente, simmts?“, fragte Abe. „Ich habe in den vergangenen Wochen mitbekommen, wie sie dich geholt haben. Sie haben dich gefoltert und für dieses Experiment hier missbraucht, richtig?“
Jake, oder besser gesagt Khan, stand auf und baute sich vor uns auf. Es war körperlich immer noch Jake, eine kleine Gestalt mit Hornbrille. Aber der Geist in diesem Körper war mächtig und machte mir Angst. Jetzt spürte ich es. Das muss es gewesen sein, was die ganze Zeit so seltsam an ihm war. Es war nicht wirklich Jake. Es war nicht Thomas Vater. Es steckte eine Kreatur namens Khan in ihm.

„Kinder! Helft mir! Dieser Affe – er dreht durch!“, keifte Kahn plötzlich wie ein schlechter Schauspieler. Aber dieser Effekt verfehlte sein Ziel nicht.     David rannte zu uns, die Pistole in der Hand, die er auf Abe richtete.

„Du hast wieder einmal völlig Recht, Abe. Kluges Äffchen, aber nachdem sie es geschafft hatten, meinen Geist in diese seelenlose Maschine und wieder hinaus zu verfrachten, war etwas Unvorhergesehenes passiert. Mein Geist wurde höhnte  h   in den Körper dieses Mannes transferiert und sein Geist in diese Maschine.“
Jake, oder Khan, kam langsam einige Schritte auf uns zu. „Die Menschen – wir hätten den Auftrag, sie zu beobachten, niemals annehmen sollen. Ich konnte diesen Fehler korrigieren… na ja, fast.“

„Abe, David hat einen nervösen Finger. Sei vorsichtig!“
„Khan ist ein Schimpanse, der für unerlaubte Forschungszwecke an dieser Maschine benutzt wurde. Der Universität sind solche Experimente strikt untersagt, aber ich habe Menschen in Uniformen gesehen, die anscheinend anderen Gesetzen folgen.“, sagte Abe.

„Und jetzt ist Khan stinkig. Na gut, aber was tun wir jetzt? Und wieso kennt er sich mit der Maschine so gut aus?“
„Doc, komm hierher!“, rief David nervös.
„David! Was machst du da hinten! Hilf uns, diese scheiß Affen kommen gleich durch die Tür!“, rief Thomas vom anderen Ende des Labors.
„David, erschieß den Affen, wir haben keine Zeit!“, stachelte Khan in Jakes Gestalt den verwirrten Jungen an.
David war unentschlossen und verwirrt.

„Abe, ich warne dich!“, sagte Khan und wendete sich gleich wieder an David: „Schieß endlich!“, befahl er und David setzte tatsächlich an. Aber ich sprang so schnell ich konnte den Jungen an und warf ihn zu Boden. Die Waffe fiel ihm aus der Hand und rutschte über den Boden Richtung Khan. Khan warf sich auf sie, doch Abe war schneller. Er umklammerte mit seinen Pranken den dürren Hals von Jakes Körper. Ich konnte lediglich den Jungen in Schach halten. Also baute ich mich vor ihm auf und fauchte und knurrte ihn an. Ich bellte und fletschte die Zähne, so dass mein lieber Freund sich aus Angst vor mir nicht mehr rühren konnte. Es tat mir so unendlich leid, meinem lieben David solche Angst zu machen, aber mir blieb nichts anderes übrig.

„Die Tiere kommen durch!“, schrie Vanessa und dann krachte es laut.

Thomas und seine Cousine kamen zu uns hinübergerannt und blieben abrupt vor mir stehen. Das Bild von Abe, Jake – oder Khan –  und mir, wie ich mich ihnen in den Weg stellte verwirrte sie völlig. Im Augenwinkel sah ich, wie Affenarme sich durch den Türspalt zwangen und in wenigen Sekunden hier sein würden.

„Abe! Jetzt oder nie!“ Abe ließ Jake los, als dieser das Bewusstsein verlor und rannte zum Computer. „Was tun wir jetzt?!“

„Ich konnte einen kurzen Blick in Kahns Gedanken werfen, als er schwächer wurde. Ich weiß, was zu tun ist!“

„Dann tu es!“

„Papa!“, schrie Thomas. Er wollte zu ihm. Ich stellte mich ihm zähnefletschend in den Weg.
„Ich hab es!“, sagte Abe und machte sich gleich daran wild auf der Tastatur des Computer einzuhämmern.
Die Kuppel öffnete sich. Die Affen bahnten sich einen Weg durch die Tür. Hinter ihnen kamen die Wölfe und Löwen. Der Boden in der Mitte des Labors öffnete sich. Eine Apparatur, die aussah, wie eine riesiges Teleskop, stieg empor. Die Tiere schreckten zurück. Das Gebäude zitterte. Blitze zuckten in immer kürzeren Abständen über die Oberfläche dieses seltsamen Konstrukts. Das Gebäude erbebte noch stärker. Die Halogenleuchten im Labor flimmerten und versagten schließlich ihren Dienst. Die Kinder verloren den Halt unter ihren Füßen und fielen zu Boden. Dann feuerte die Kanone in kurzen Abständen grell flackernde Blitzkugeln in den Himmel. Wellen enormer Hitze entstanden und alle, Tiere und Menschen, zogen sich instinktiv von ihr zurück und pressten sich an die Wände des Labors. Ich sah, wie einige Löwen, Affen und Wölfe wieder durch den Eingang flohen. Vanessa und David hielten sich in den Armen und Thomas zog sich auf allen Vieren zu seinem Vater hin. Der Himmel verdunkelte sich und eine blitzende Wolke zog sich über der Kuppel zusammen. Das Szenario wiederholte sich. Es wird ein Unwetter geben, wie an dem Morgen dieses Tages.

„Abe?! Bist du sicher, dass du alles richtig gemacht hast?, fragte ich ihn.
Abe war hinter der Steuerkonsole in Deckung gegangen und ich schlug mich durch das Blitzegewitter zu ihm durch.

„Ich hoffe es, mein Freund, ich hoffe es!“, sagte er.
Das Beben wurde stärker. Von der Decke fielen die Leuchtröhren und Teile der Decke hinab. Regale fielen um. Die Kinder suchten klugerweise unter den Tischen Schutz. Thomas zog Jake mit sich unter einen Tisch. Der Lärm, den diese höllische Maschine verursachte wurde unerträglich. Grelle Blitze durchzuclen den Himmel. Und dann… Stille.

Als ich wieder zu mir kam, herrschte eine fast unheimliche Stille. Die Kuppel über dem Labor war noch geöffnet und warme Sonnenstrahlen legten sich auf mein Gesicht. Ich stand auf und ging zu David, der unter einem Tisch kauerte. Ich leckte ihm durchs Gesicht und dann wachte er langsam auf und öffnete schwermütig seine Augen.

„Doc, was ist passiert?“, fragte er mich verwirrt, während er mich hinter dem Ohr kraulte.
Ich ließ ihn wach werden und beschnüffelte die übrigen. Auch Vanessa schien es gut zu gehen. Ich ging hinüber zu Thomas und Jake. Ich erschrak. Thomas hielt die Waffe in seinen Händen und ich konnte riechen, dass sie erst vor wenigen Momenten abgefeuert worden war. Thomas erwachte und auch Jake. Jakes Geruch hatte sich verändert. Ich konnte einen Geist in ihm spüren und hoffte, dass es auch diesmal Jake sein würde. Aber auf wen hatte Thomas geschossen? Ich drehte mich hastig um und rann schnell zu dem Kontrollpult hinüber.

„Abe? Hey Kumpel, ist alles in Ordnung? Abe?“
Ich stieß mit meiner Schnauze eine Halogenleuchte von ihm hinunter. Unter dem Aluminiumgestell der Leuchte verbarg sich meine Befürchtung. Abe wurde von der Waffe in die Brust getroffen.

„Abe? Hörst du mich?“, fragte ich meinen Primatenfreund. Langsam hoben sich seine Lider und er rang sich ein Lächeln ab.

„Doc, hat es funktioniert?“, fragte er mich. Sein Geist war sehr schwach.

„Sieht gut aus, mein Freund. Wir müssen sehen, wie es draußen aussieht.“, sagte ich und leckte ihm über das Gesicht. Er kraulte meinen Nacken.
„Thomas?“, fragte Jake und er klang völlig verwirrt. „Vanessa? David? Was macht ihr hier? Was ist passiert?“, fragte er weiter.

„Was ist denn los, Dad? Kannst du dich an nichts mehr erinnern?“, fragte Thomas und half seinem lädierten Vater beim Aufstehen. Er berührte den blutigen Verband auf seinem Gesicht und fasste sich an seinen Hals, der durch Abes Griff ein einziger grüner und blauer Fleck war.
„Nein, ich… ich kann mich an nichts erinnern.“
Dann witterte ich noch mehr Menschen in dem Raum und auf einmal bemerkte ich die vielen nackten Männer und Frauen, die sich den Kopf hielten und allesamt verwirrt und paralysiert waren. Die Menschen waren wieder da!  
„Abe, sieh nur! Es hat anscheinend funktioniert! Du hast es geschafft! Du hast all diese Mistkerle gerettet!“, teilte ich meinem Freund mit, aber er antwortete nicht mehr.
„Danke, mein Freund.“
Langsam glitt seine Hand von mir ab.

***

Das Ereignis hatte die Welt auf den Kopf gestellt. Die Menschen waren aufgebracht und durcheinander. Es gab ein riesiges Chaos. Unsere kleine Stadt hatte noch mit am wenigsten darunter zu leiden. Wir waren wieder daheim. Ann-Marie ist wieder dort aufgetaucht, wo sie verschwunden war. Für sie, wie für alle anderen Menschen, die in dieser Maschine abgespeichert waren, hatte alles nur einen Augenblick gedauert. Manchmal erzählt Ann-Marie von merkwürdigen Träumen, die sie nachts aufschrecken. Sie wäre ein Geist, eine Art Gespenst und zusammen mit vielen anderen Geister und Gespenstern in einem Schloss gefangen.

Jake hatte uns heimlich in dem ganzen Wirrwarr in dem Labor nach draußen bugsiert und die Aufnahmen der Überwachungskameras gelöscht, so dass wir nicht verdächtigt wurden. Sein Kopf war von Khan befreit, aber er muss sich dennoch für das Experiment verantworten. Ich denke nicht, dass er jemals in seinem Leben wieder glücklich werden wird. Aber er hatte seinen Job an den Nagel gehängt und so, wie ich es gehört habe, will er als Lehrer arbeiten und sich wieder mehr um seinen Sohn kümmern.

***

Es ist jetzt vier Monate her. Heute ist Samstag. Vanessa ist zu Besuch. Sie und David verstehen sich sehr gut. Wir sehen uns zusammen mit Ann-Marie Planet der Affen an – das Original, nicht diesen belämmerten Remake – und essen Pizza. Na ja, sie essen Pizza, aber David lässt aus Versehen mal das ein oder andere Stück für mich fallen. Ich muss an Abe denken, meinen Freund und den Menschheitsretter. Und wie ich David, Ann-Marie und Vanessa dort sitzen sehe, weiß ich, dass es die richtige Entscheidung gewesen ist sich für sie einzusetzen und den Menschen einmal mehr eine Chance zu geben. Die Tiere hatten sich letztlich doch für sie entschieden und sind wieder zurück ihre Käfige gegangen. Dort bleiben sie. Vorerst. Und warten. Nicht alle Tiere sind mit dem Rückzug einverstanden gewesen. In den Nachrichten tauchten Berichte von vereinzelten Vorfällen mit „verstörten“ Tieren auf. Weitere Zoos beklagten Massenausbrüche, das Wild in den Wäldern richtete sich gegen Touristen und mehr noch, gegen Jäger. Wale griffen Walfänger an, Löwen und Leoparden Großwildjäger.           Die Ereignisse wurden in den Zusammenhang mit dem missglückten Laborexperiment gebracht, bei dem es sich natürlich ausschließlich um ein fehlgeschlagenes Wetterexperiment handelte. Es graut mich dennoch vor dem Gedanken, dass diese Maschine lediglich die Macht hatte Menschen verschwinden zu lassen, wo doch die Welt voll Menschen ist, die eine weitaus größere Macht in den Händen halten. Eine Macht, die sämtliches Leben auslöschen kann – unwiederbringlich. Wir werden ab jetzt ein wachsameres Auge auf euch haben.

ENDE

Definition

Ein Hund

der stirbt

und der weiß

dass er stirbt

wie ein Hund

und der sagen kann

dass er weiß

dass er stirbt

wie ein Hund

ist ein Mensch.

(Erich Fried)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.