DEADWOODS

Er trat mir in den Rücken, direkt zwischen den Schulterblättern. Ich stürzte zu Boden, hinein in das muffige, feuchte Laub. Ich unterdrückte den Schmerz – so weit es mir gelang – und wollte ihm nicht die Genugtuung geben, indem ich schreie oder winsele. Dennoch, er lachte. Sein Lachen brannte sich wie Säure in mein Hirn. Es ätzte sich in meinen Stolz, den wenigen, den er mir gelassen hatte.

„Sieh dich an! Was bist du doch für ein Looser! Ich werde nie verstehen, was sie an dir finden konnte. Sie war knapp bei Kasse, oder? Diese kleine Schlampe hat doch nie Geld. Sie und ihr Vater, dieser Säufer!“

Mit einem kräftigen Ruck wurde ich wieder auf die Beine gehievt. Seine tellergroßen Hände packten mich am Nacken und ich fühlte mich wie das bröckelige, zarte Laub unter unseren Füßen. Vielleicht sollte es einfach hier passieren. An diesem Ort, der mein ganzes Leben mein stilles, geheimes Refugium gewesen war, bis ich es auch mit ihr teilen konnte.

Abgesehen von der hohen Wahrscheinlichkeit, dass ich hier bald sterben würde, war dieser Wald auch in diesem Augenblick wieder von atemberaubender, faszinierender Schönheit. Sie nennen ihn den Indian Summer, der diese Wälder in diese Farbenpracht taucht. Und dieser herrliche Duft von Erde, Rinde und der Geruch der Blätter, die im Wind tanzen, bevor sie sich wie ein warmer Teppich auf dem Waldboden niederlegen. Ein wunderbarer Nachmittag – wäre man alleine hier und würde nicht mit einer Waffe von einem sehr gestörten Menschen bedroht werden.

Ich kam in dieses Land, als ich noch ein kleines Kind war. Das war vor fünfzehn Jahren. Ich kann mich an meine Heimat nicht erinnern und kenne sie nur aus den Erzählungen meines Vaters und den Bildern in den Nachrichten. Es waren immer zwei ganz unterschiedliche Geschichten. Aber vielleicht waren die Wälder hier deswegen für mich immer ein „heiliger“ Ort – was auch immer das bedeuten mag. Er war so anders als die Erzählungen von Sand und Steppe und gesprengtem Stein.

„Beweg‘ dich, Arschloch!“

Die Mündung der Waffe war fest gegen meinen Hinterkopf gepresst. Mein Vater hatte sich das falsche Land ausgesucht, um vor den Waffen zu fliehen. Ich trottete weiter voran und ich konnte spüren wie sein Blick lüsternd an mir auf und abwanderte. Seine Freunde mussten es auch bemerkt haben, damals nach dem Sportunterricht. Deswegen hatte er mich schnell verprügelt. So dachte er, könnte er es verbergen. Aber der Verdacht blieb und sie wussten es. Noch hatten sie geschwiegen. Er wäre von der Schule geflogen, hätten die anderen nicht zu ihm gehalten und gesagt, ich hätte angefangen. Aber sobald der Funke dieses kleinen Geheimnisses auf das Stroh in den Köpfen der richtigen Tratschtaschen überschlagen würde, brennt die Gerüchteküche.

„Du kommst hierher und nimmst dir, was dir gefällt! Das ist unsere Stadt, unser Land und uns gefällt es so, wie es ist. Wir brauchen dich nicht. Weder dich, noch deinen Dad, noch diesen beschissenen Wald!“

Er trat mich wieder. Diesmal konnte ich den Sturz abfangen und stürzte nicht. Ich hielt mich an einer Eiche fest. Sie fühlte sich seltsam an. Sie strahlte eine Wärme, eine Vertrautheit ab, als wollte sie mir Mut machen und mir beistehen.

„Los jetzt, du Freak!“, schrie er und stieß mich weiter den laubbedeckten Pfad entlang, der uns bald zu dem Weiher führen würde.

Er wurde unruhig, sichtlich nervöser. Sein Atem ging schneller und seine Hand zitterte. Der Revolver zuckte ebenso gefährlich nervös mit ihr im Takt. Vergeblich versuchte er es zu verbergen. Ich hätte nicht so direkt hinsehen sollen. Er bemerkte, dass ich es bemerkte und schlug den Kolben gegen meine Schläfe. Ich fiel zu Boden – wieder – und mir wurde für einen Moment schwarz vor Augen. Als ich sie wieder öffnete troff Blut von meiner Stirn auf das feuchte Laub.

Bring ihn zu mir. Bring sie alle zu mir.

Das Flüstern war in mir und um mich herum. Es hallte in meinem Kopf und zwischen den Bäumen. Es war die Stimme einer Frau, einer jungen Frau. Sie war mit so vertraut, nur woher? Es muss der Schlag gewesen sein. Wieder zogen mich seine Pranken auf die Beine und wir marschierten weiter. Es wäre sinnlos gewesen, mich zu wehren oder einen Fluchtversuch zu unternehmen. Dieser Riese hätte mich nur früher erschossen.

„Als du und diese Hure euch zusammen mit den anderen Spinnern vor den Wald gestellt habt, da wussten sie alle bescheid. Du hast mich zu einer Lachnummer werden lassen, du Scheißkerl. Erst spannst du mir die Freundin aus und dann versaust du meinem Vater noch das Geschäft! Du mieser, kleiner Bastard! Wenn dir so viel an diesem kleinen Wäldchen liegt, dann werde ich dafür sorgen, dass du ewig hier bleibst!“

Wir näherten uns der Lichtung, wo die kleinen Bäche zusammenliefen und in dem Weiher mündeten. Ein stiller, wunderschöner Ort, bevor sie hier ihre Probebohrungen durchführten und entdeckten, dass sich viel Geld machen ließ, wenn man den Wald tötet.

Ja, bring ihn zu mir. Hierher!

Er musste mich mit seiner Waffe härter am Kopf verletzt haben, als ich dachte. Die Stimme hatte spürbar Substanz und wir kamen ihr näher. Mein Peiniger schien allerdings nichts dergleichen war zunehmen. Stattdessen merkte ich, wie sein Blick auf meinem Arsch haftete. Er tat mir in gewisser Hinsicht leid. Einige auf unserer Schule hatten sich geoutet. Jungen, Mädchen. Klar hatten sie sich Sprüche reinziehen müssen, aber irgendwann war der Drops gelutscht und es wurde zum Alltag. Vor zwanzig Jahren hätte es vielleicht an diesem Ort noch Aufschreie gegeben und die Alten waren auch an diesen Tagen noch empört und plapperten sicherlich beim Kaffee nach der Kirche über den Untergang der Zivilisation. Aber die Jungen interessierte es nicht mehr. Gott sei dank – oder wem auch immer.

Bei ihm war dies unmöglich. Seine Familie entstammt einem Patriarchat des 19. Jahrhunderts und sein Vater bildete die Essenz aller üblen Westernschurken – oder Helden. Wahrscheinlich hätte er seinen eigenen Sohn erschossen, wenn nur Gerüchte aufgekommen wären, dass sein einziger Erbe eine gottverdammte Schwuchtel sei. Deswegen hatte er mich wohl verdroschen. Und deswegen würde er mich töten. Die anderen wissen bescheid und irgendwann sickert es durch und es würde ihn in den Wahnsinn treiben – und das hatte es jetzt. Dass ich ihm seine Freundin ausgespannt hatte, brachte sein angeknackstes Ego und seine wackelige Psyche völlig zum Einsturz.

Wir hatten die Lichtung erreicht und jetzt brauchten wir nur noch einen kleinen Abhang hinunter gehen, um das Seeufer zu erreichen. Ein fauler, beißender Geruch lag in der Luft und durchbrach den süßen und satten Duft des Herbstes. Der Geruch von Tod lag über der Lichtung. Hier musste ein Tier verendet sein.

„Das willst du nicht wirklich tun, Mann. Komm wieder runter! Wenn du mich erschießt wird man mich hier irgendwo finden und die Bullen sind nicht dämlich. Sie werden herausfinden, dass du es warst! Verdammt nochmal!“

Meine Worte prallten einfach an ihm ab. Ich fragte mich, ob er mich überhaupt hören konnte. So musste sie sich gefühlt haben, als sie noch zusammen waren. Ich denke nicht, dass sie ihn geliebt hatte. Ihr Fundament war eine stinkende Schlammgrube aus Show und Selbstbetrug. Nachdem sie mit ihm Schluss gemacht hatte, fingen die Drohungen gegen sie an. Er suchte sie auf und wurde handgreiflich. Sie hatte Anzeige erstattet und das hatte ihn wieder in seine Schranken gewiesen. Dem Spott konnte er nicht entgehen. Nicht in der Schule und sicherlich nicht bei seinem Vater.

Wir hatten das Ufer erreicht. Ich drehte mich um und blickte in die Mündung des Revolvers. Es musste eine der vielen Waffen seines Vaters sein, mit denen er in der Schule immer prahlte. Ich erinnerte mich an die Bilder auf Facebook, die ihn mit ihren erlegten Wild zeigten. Natürlich gingen die beiden auf die Jagd. Sah man sich die Bilder aber mal genauer an, konnte man in seinen Augen sehen, wie sehr er litt. Ich glaube, ihm war speiübel, als er das junge Rehkitz erschossen hatte und konnte mir den armen Kerl gut vorstellen, wie er sich gefühlt haben muss, als sie es ausweideten und für das Jagdzimmer präpariert hatten – aus Respekt vor dem Tier, wie die Jägersleut es nennen.

Ja, bring ihn ganz dicht heran und lass ihn nicht mehr gehen. Ich werde ihn holen.

Diese Stimme… Langsam schien sich mein eigener Verstand zu verabschieden.

Der Revolver, der in wenigen Augenblicken mein Ende besiegeln sollte, diente seiner Familie natürlich der reinen Selbstverteidigung – wie das Maschinengewehr und die Pumpgun – in diesem Ort, der seit elf Jahren keinen Einbruch mehr zu verzeichnen hatte. Es war tatsächlich sein Vater, der das letzte herumstreunende Böse mit mehreren Schüssen vom Antlitz dieser Erde gefegt hatte. Ein ausgehungerte, achtzig Jahre alter Landstreicher hatte sich unerlaubt Zutritt zu ihrem Gästehaus verschafft.

„Du musst das nicht tun. Du hast mir eine scheiß Angst eingejagt und ja, ich habe es kapiert. An dir kommt niemand vorbei. Ich werde diese Stadt verlassen. Mein Vater und ich werden abhauen und du wirst uns niemals wiedersehen. Du kannst allen sagen, dass du es mir gezeigt hast. Verdammt noch mal, sei doch kein Idiot. Wenn du mich umbringst, dann kriegen sie dich. Willst du für ein Arschloch wie mir in den Knast?“

Selbst mich hätten meine Worte beinahe vollkommen überzeugt. Als ich in seine Augen blickte, wusste ich, dass er nicht im Entferntesten daran dachte, sein Vorhaben zu ändern. Seine kalten Augen und sein totes Lächeln gaben mir die Bestätigung.

„Dreh dich um.“

Diesen Gefallen würde ich ihm nicht tun. Dieser Mistkerl sollte mir gefälligst in die Augen sehen.

„Dreh dich um, oder ich schieß‘ dir in die Knie!“

Mistkerl. Ich drehte mich um. Ich blickte auf den orangeroten Himmel und sog die Schönheit dieses Ortes tief in mich hinein. Es machte mich traurig, dass er bald den kalten Maschinen weichen sollte, um Menschen wie meinem Mörder die Taschen zu füllen und denen, die viel mehr als genug haben, noch mehr zu geben und ihre unersättliche Gier zu füttern. Mein Blick wanderte auf den stillen Weiher, auf dem die Sonnenstrahlen glitzerten und funkelten und … dann sah ich sie.

Ihr aufgequollener Körper schwamm knapp unter der Oberfläche zwischen dem Seegras und Fische, Insekten und Reptilien taten sich gütlich an den Überresten ihres Leibes. Bevor ich mich übergab wurde mir schwindlig und schwarz vor Augen. Ich torkelte zurück und fiel auf die Knie. Ich hörte sein Lachen, jetzt vollends von Wahnsinn durchdrungen.

„Vor vier Tagen habe ich sie hier erschossen und in diesem Tümpel versenkt. Ihrem versoffenem Vater ist ihre Abwesenheit noch nicht einmal aufgefallen. Und auch die Leute aus unserer Schule werden sich vielleicht erst nach dem Wochenende einmal fragen: Wo bleibt sie denn? Dich werde ich neben sie betten und bis man euch gefunden hat, bin ich längst aus diesem Kaff verschwunden!“

Nein, wirst Du nicht.

„Wer hat das gesagt?!“, fragte er panisch und wandte sich in alle Richtungen.

Ich.

Er konnte sie hören – die Stimme.

Weder wirst du ihn töten, noch werden die Maschinen deines Vaters durch die Grenzen dieses Waldes kommen. Wir sind jetzt eins und wir wissen uns zu wehren.

„Was?!“

Er verstand es genauso wenig wie ich. Aber mehr sollten wir nicht hören. Dann geschah alles so schnell. Wind kam auf und wirbelte die Blätter vom Boden auf. Aus ihnen wurde eine Windrose, die ihr Gesicht trug. Sie sog ihn in sich hinein. Er schrie und krallte seine Finger im feuchten Boden fest, aber es half ihm nichts. Er schrie und nach und nach verstummte sein Schrei. Der Wirbel aus Laub und Geäst löste sich auf, die Blätter legten sich wieder auf dem Waldboden ab und er war verschwunden. An seiner statt herrschte die Stille wieder über dem Weiher.

Wie betäubt saß ich am Wasser und konnte nicht fassen oder begreifen, was sich dort gerade vor meinen Augen abgespielt hatte. Dann drehte ich mich um zu ihr, aber ihre Leiche war verschwunden. Ich war allein. Keine Spur von ihr oder ihm.

Beide wurden als vermisst gemeldet und sie blieben spurlos verschwunden. Die Streitmacht der Maschinen, die von seinem Vater entsandt nach einigen Wochen auftauchten, um den Wald in eine Baugrube zu verwandeln, versagten. Sie fielen in unerkannte Erdlöcher oder ihre Motoren wurden einfach sabotiert. Doch konnten die Saboteure nie gestellt werden. Über Nacht schienen sich verschiedenste Moose, Pflanzen, Sträucher und Pilze zwischen ihren Zahnrädern ausgebreitet haben. Einigen Arbeiter sind schlimme, tödliche Unglücke passiert, woraufhin der Rest der Bauleute ihre Arbeit niederlegten. Der alte Mann, der Cowboy, setzte sich selbst hinter das Steuer von einer seiner Maschinen und steuerte den Bulldozern auf den Wald zu. Auch er versank in einem tiefen Spalt, der sich schlagartig im Erdreich auftat und sich daraufhin wieder verschloss.

Seitdem wird der Wald in Ruhe gelassen. Sie habe ich nie wieder gesehen. Ich denke sie und der Wald sind jetzt eins und ich fühle es, wenn ich ihn durchwandere. Die Menschen aus der Stadt meiden ihn, aber ich habe keine Angst. Im Gegenteil. Er ist mein stilles Refugium, ein heiliger Ort.

ENDE

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